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Sechs Monate ist Papst Leo XIV. im Amt. Wie entscheidet er? Was unterscheidet ihn von Franziskus? Wo hat er bereits eigene Wege beschritten?
Wo kommt er her? Das haben Journalisten, selbst ernannte Leo-Kenner und Ahnenforscher seit Mai zu beantworten versucht. Für die Frage, wohin er gehen wird, gibt es bislang keine Experten – am ehesten den Papst selbst. In seiner ersten Ansprache wünschte er sich eine Kirche, die Brücken baut, den Dialog pflegt und alle mit offenen Armen empfängt.
Sein Bemühen darum zeigt sich in Zugeständnissen für Katholiken vom linken bis zum rechten Rand. Mehr Teilhabe auch für Nicht-Geweihte? Klar. Eine tridentinische Messe am Kathedra-Altar des Petersdoms? Auch.
Viel Kontinuität
Kontinuität zu seinen Vorgängern zeigt sich etwa in der Frauenfrage. Für ein mögliches Weiheamt gibt es die Arbeitsgruppe, die auf vorherige Arbeitsgruppen folgte. Auch bei Ehe und Familie bleibt Leo der katholischen Lehre treu. Förmlichen Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare erteilt er eine Absage.
Das klingt nach Franziskus – wie vieles im ersten halben Jahr des Pontifikats. Denn der an Ostermontag verstorbene Franziskus hat einige unvollendete Projekte, Schreiben und Reisepläne hinterlassen.
Von Franziskus geerbte Projekte
Der Plan, die päpstliche Sommerresidenz in Castel Gandolfo in das Nachhaltigkeitszentrum „Borgo Laudato Si“ zu verwandeln – Franziskus’ Wunsch. Das päpstliche Lehrschreiben „Dilexi te“ über den kirchlichen Einsatz gegen Armut – hauptsächlich aus Franziskus’ Feder. Die erste Reise Leos in die Türkei und den Libanon – unter Franziskus geplant.
Zudem beansprucht den neuen Papst der straffe Terminkalender des Heiligen Jahrs: Im Stakkato reisen große Pilgergruppen aus aller Welt an. Bei zahlreichen Sonderveranstaltungen gibt es Messen und eigene Audienzen mit Leo.
Anderer Entscheidungs-Stil
Hinzu kommen die übrigen Besuchergruppen aus aller Welt, denen eine Ansprache des Papstes gebührt. Gekrönte Häupter wie Staats- und Regierungschefs lenken mit Papst-Fotos gern den Blick fort von innenpolitischen Querelen. Und dann gibt es noch die internationale katholische Geistlichkeit, die den Austausch mit ihrem Chef sucht. Da ist bisher kaum Zeit zum Regieren oder gar zum Beschreiten eines eigenen Wegs.
Anders als sein Vorgänger trifft Leo Entscheidungen nicht sprunghaft, sondern mit Bedacht. Als Leiter des weltweit tätigen Augustinerordens hat er gelernt, mit einer heterogenen Gemeinschaft umzugehen.
Kaum Personalentscheidungen
Das mittlerweile in Kirchenkreisen fast schon inflationär gepredigte Zuhören ist Teil seines Regierungsstils. Denn eine sorgfältig abgewogene Entscheidung stärkt die Autorität des Amtes, ein Widerruf aufgrund übersehener Kritikpunkte schwächt sie. Die Weltkirche und die römische Kurie sind empfindliche Netze, sie verzeihen Fehler nur ungern.
Nur folgerichtig, dass Leo XIV. auch lang erwartete Entscheidungen beim Spitzenpersonal sorgfältig abwägt. Lediglich seinen eigenen Nachfolger als Leiter der Bischofsbehörde hat er ernannt – einen alten Bekannten aus der Vatikanbehörde für Gesetzestexte. Von richtungsweisenden und womöglich umstrittenen Personalien wie einem neuen Chef der Glaubensbehörde ist aus dem Vatikan bislang nichts zu hören.
Ruhepunkt Castel Gandolfo
Leo XIV. lässt sich Zeit. Und die hat er – anders als weltliche Spitzenpolitiker, die nach ihrer Wahl rasch ihre Versprechen einzulösen versuchen, um nach einer begrenzten Amtszeit wiedergewählt zu werden.
Diese Zeit nutzt er – auch für Ruhepausen außerhalb des Vatikans, wo die Papstwohnung im Apostolischen Palast weiter renoviert wird. Stehen keine wichtigen Termine auf der Agenda, zieht sich Leo für eine Nacht und einen Tag in der Woche nach Castel Gandolfo zurück. Gelegentlich beantwortet er vor seinem Rückweg nach Rom Journalistenfragen – allerdings ähnlich zurückhaltend, wie meist seine Ansprachen und Predigten sind.
Vielsprachigkeit als Markenzeichen
Während unter Franziskus stets mit Abweichungen vom Manuskript und möglichen folgenden Kommunikationskrisen zu rechnen war, hält sich Leo fast immer an die Fassung seiner Redenschreiber. Das lässt den Charme des Authentischen beim Pontifex oft vermissen, den er in freier Rede und im spontanen Umgang mit Menschen durchaus zeigt.
Sein Markenzeichen ist die Vielsprachigkeit. Englisch, Italienisch und Spanisch spricht Leo im fließenden Wechsel. Kommunizieren kann er außerdem auf Französisch und Portugiesisch. Deutschkenntnisse soll er mit einer Sprachlern-App aufbessern, wird gemunkelt.
Die Wogen glätten, auf denen das Schiff Weltkirche segelt – keine unwichtige, keine kleine Aufgabe. Die Herausforderung durch kontroverse interne Debatten ist dabei mindestens genauso gewaltig wie der Gegenwind, der dem Wertekoloss katholische Kirche aus immer diverser werdenden Gesellschaften entgegenschlägt. Von der Rolle als neutraler Friedensvermittler in den großen Konflikten dieser Welt ganz zu schweigen, die Leo XIV. erklärtermaßen ebenfalls einnehmen will.