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Vor einem Jahr starb Franziskus, bekannt für manches „Basta“ und flapsige Aussagen. Sein Nachfolger spricht anders, aber wirkt, findet Klaus Nelißen.
Vor einem Jahr, am 20. April, spendete Papst Franziskus mit erstickender Stimme noch einmal den Oster-Segen „Urbi et Orbi“. Tags drauf starb er. Die Welt schaute zu und nahm mit überwältigender Zuneigung Abschied von diesem Ausnahme-Papst.
Franziskus war in vielem disruptiv: Von seiner Namenswahl bis hin zu seinen Besuchen und Gesten - bei der Schuhwahl angefangen bis zum Fußkuss der verfeindeten Anführer im Südsudan: Franziskus war für Überraschungen gut.
Leo spricht sanfter als Franziskus
Seine Worte waren oft ebenso klar wie mitunter berüchtigt: Ein „Basta“ war ihm nicht fremd, und manche flapsige Formulierung sorgte gar für Turbulenzen, wie die zur Rolle der Frau, 2024 beim Besuch im belgischen Löwen.
Sein Nachfolger wählte den Löwen im Namen, aber schlug von Anfang an einen anderen Ton an; gar nicht so sehr in der Sache, sondern in der Wahl seiner Worte: Leo XIV. spricht sanfter. Und lange Zeit weniger öffentlich wahrnehmbar als sein Vorgänger. Oft fragten mich nicht-kirchliche KollegInnen aus der Medienszene: „Was ist los mit eurem neuen Papst? Man hört so wenig…“
Die Welt nimmt Notiz
Der Autor
Klaus Nelißen ist stellvertretender Rundfunkbeauftragter der NRW-Diözesen beim WDR. Der Pastoralreferent des Bistums Münster volontierte bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) und studierte Theologie in Münster und Berkeley, Kalifornien.
Das hat sich mittlerweile geändert. Ich staunte nicht schlecht, als die beiden Hosts des weltlichen News-Podcasts „Apokalypse und Filterkaffee“, Yasmine M’Barek und Markus Feldenkirchen, in der Osterwoche Leos Worte beim „Urbi et Orbi“-Segen 2026 analysierten. Fern der für den Podcast nicht unüblichen Flapsigkeiten stieg M’Barek ernst gemeint auf Leos Argumentation ein, dass man sich auf die „christlichen Ur-Inhalte“ besinnen solle, nämlich, auf die Lehre Jesu.
Klingt für Kircheninsider banal – aber das dringt viel zu selten vor in die säkulare Medienwelt. M’Barek bezog sich wahrscheinlich auf folgende Papst-Worte am Ostersonntag: „Lassen wir uns im Licht des Osterereignisses von Christus überraschen! Lassen wir unser Herz von seiner unermesslichen Liebe zu uns verwandeln! Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog! Nicht mit dem Willen, den anderen zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen!“
„Lammfromm“, aber deutlich
Ostern hatte Papst Leo XIV. „gut gebrüllt“ – gerade weil er dabei „lammfromm“ blieb. Zu dieser Stimme jesuanischer Sanftmut hat der „Löwe aus Rom“ gefunden, ein Jahr nach dem Tod seines Vorgängers. Und sie findet Gehör: wahrnehmbar, aber bewusst nicht angelegt auf disruptive Provokation.
Dafür sorgt derweil der andere Amerikaner im Weltgeschehen, Donald Trump, immer unbeherrschter. Leo hingegen zeigt Treue zu Papst Franziskus und gibt dennoch mit einem ganz anderen Tonfall den Sanftmütigen seine Stimme. Es ist dringend nötig, dass solche Stimmen in dieser tosenden Welt mehr Gehör finden.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.