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Gefühlt wissen wir inzwischen fast alles über das neue Kirchenoberhaupt. Tom Hegermann fragt, wo da die wirklich wichtigen Themen bleiben.
Ach, das ist jetzt wirklich ärgerlich. Mir fällt gerade partout die Schuhgröße unseres neuen Papstes nicht ein. Dabei bin ich sicher, irgendwo was darüber gelesen zu haben. Und auch über den Unterschied zur Schuhgröße von Papst Franziskus. Und natürlich über die theologischen Implikationen der Schuhe (seit Benedikt ja ein zentrales Thema zahlreicher grundlegender Betrachtungen zum Zustand des Vatikans und der katholischen Kirche) und eben auch der besonderen Bedeutung der Schuhgröße.
Womöglich stand das in einem der Berichte über die geschätzt 3.217 Interviews mit einem seiner womöglich bis zu 27 Brüder. Man kann ja inzwischen doch ein wenig den Überblick verlieren. Jedenfalls hat sich ganz offensichtlich jeder und jede, der oder die in den vergangenen 69 Jahren mehr als fünf Minuten mit Robert Francis Prevost verbracht hat, dazu auch gegenüber den Medien geäußert.
Alle Augen auf Papst Leo XIV.
Der Autor
Tom Hegermann hat als Journalist unter anderem 25 Jahre lang im Radioprogramm von WDR 2 moderiert. Heute arbeitet er vor allem als Moderator von Veranstaltungen und als Trainer rund um das Thema „Handwerk fürs Mundwerk“.
Und die Medien haben das wacker verbreitet. Er guckt gerne Baseball. Er spielt gerne Tennis. Er hat Georg Gänswein erst kürzlich vor Kameras mehr als zehn Sekunden die Hand geschüttelt und dabei sehr vertraut geschaut. Bedeutet das ein Comeback für Gänswein im Vatikan? Baut Leo womöglich schon seinen Nachfolger auf? Oder hat Gänswein nur seinerseits die Hand von Leo partout nicht mehr hergeben wollen?
Das ist ja wichtig. Solche Fragen wollen öffentlich erörtert werden. Davon hängt eine Menge ab. Wahrscheinlich deswegen hat auch kurz nach dem Konklave so ziemlich jeder beteiligte Kardinal gegenüber Journalisten erklärt, dass er erstens selbstverständlich zur Verschwiegenheit verpflichtet sei, weswegen er zweitens auch nichts sagen dürfe, außer vielleicht drittens, viertens und fünftens.
Das alles hat zunächst einmal natürlich einen erheblichen Unterhaltungswert. Das wirft aber im ernsthaften Teil der Auseinandersetzung mit diesem ganzen Theater womöglich doch die Frage auf, wie es sein kann, dass eine angeblich so durch und durch mausetote Organisation wie die römisch-katholische Kirche auf ein derart umfassendes Interesse stoßen kann.
Stecken dahinter neben aller Auflagen- und Einschaltquotengier am Ende doch ein paar grundsätzlichere Fragen? Nach Diesseits und Jenseits? Nach den Menschen und diesem Gott? Nach einer Gemeinsamkeit im Glauben in einer Zeit in der uns so vieles zu trennen scheint?
Das wär doch was. Das hätte doch was. Wenn ich jetzt bloß noch die Schuhgröße von Papst Leo herausbekommen könnte.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.