Anzeige
Wo liegt die Zukunft der Kirche? In Evangelisierungskonferenzen oder Jüngerschaftsschulen? Peter Otten hat eigene Ideen.
Evangelisierungskonferenzen werden modern. Sie heißen „Kommt und seht“ oder „Mission is possible“. Dazu Jüngerschulen und Church Planting. Das klingt nach Start-up-Szene und Slim-Fit-Anzug. Kirchenentwickler entdecken den Begriff „Ressourcen“. Sprach man früher nicht mal von Gnade?
Nicht falsch verstehen: Die Botschaft des Evangeliums muss vernehmbar bleiben. Aber manchmal beschleicht mich der Verdacht, die Kirche sei einer typisch modernen Versuchung erlegen. Jede Organisation hält irgendwann ihre eigene Existenz für das wichtigste Projekt. Warum sollte die Kirche davor gefeit sein?
Welcher Weg ist richtig?
In manchen Konzepten klingt es jedenfalls so, als sei der ideale Christ vor allem jemand, der möglichst viel Zeit in kirchlichen Zusammenhängen verbringt. Er besucht Alpha-Kurse, schließt sich einer Kleingruppe an, wird Jünger. Das alles kann wunderbar sein. Für manche Menschen ist es sogar genau der richtige Weg. Aber eben nicht für alle.
Die meisten Menschen haben nämlich bereits ein Leben. Sie kümmern sich um Kinder und Eltern, arbeiten zu viel, schlafen zu wenig oder versuchen, ihre Nachbarschaft zusammenzuhalten. Alles Tätigkeiten, die in Keynotes erstaunlich selten als geistliche Berufung beschrieben werden.
Wo das Reich Gottes beginnt
Der Autor
Peter Otten ist Pastoralreferent in St. Agnes, mitten in Köln. Als pointierter Autor und Seelsorger mit vielen Ideen und Perspektiven hat er sich sowohl im WDR als auch im Internet einen Namen gemacht – nicht zuletzt zusammen mit Greta, seinem Hund, der ihn bei vielen seelsorglichen Einsätzen begleitet.
Aber Jesus hat bekanntlich nicht gesagt: „Geht hinaus in alle Welt und gründet eine funktionierende Sozialform.“ Er hat vom Reich Gottes gesprochen. Und das beginnt merkwürdigerweise oft dort, wo überhaupt keine Kirchenstruktur sichtbar ist. Dort, wo Nachbarn den Hund einer Frau versorgen, die nicht mehr laufen kann. Oder wo einer seit zwanzig Jahren Jugendtrainer im Fußballverein ist und den Kindern mehr über Würde, Treue und Hoffnung beibringt als so manche Katechese.
Das Reich Gottes hat nämlich die unangenehme Eigenschaft, ständig außerhalb kirchlicher Veranstaltungen aufzutauchen. Menschen werden doch vor allem im Alltag aufmerksam durch gelebte Liebe, durch Hoffnung, durch Barmherzigkeit. Und dann fragen sie womöglich: „Warum machst du das?“
Wo Gott längst am Werk ist
Vielleicht müsste die Kirche deshalb gelegentlich aufhören zu fragen: „Wie bekommen wir die Menschen in unsere Formate?“ Und stattdessen: „Wo ist Gott längst am Werk, bevor wir dort ankommen?“ Kirche würde dadurch nicht kleiner gedacht, sondern größer. Nicht nur dort, wo Eucharistie gefeiert wird, sondern auch dort, wo jemand unbemerkt in den Spuren Jesu läuft. Das Reich Gottes ist nämlich erstaunlich ungehorsam. Es hält sich nicht immer an unsere pastoralen Handouts. Und das ist auch gut so.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.