„Jesus Christus leidet mit uns - er hat uns nicht verlassen“

Pater Firas Lutfi berichtet vom Leben im zerstörten Aleppo

Dem Jesus am Kreuz sind die Arme abgetrennt worden. Stumm anklagend, hängen sie nicht mehr an, sondern neben dem Körper, nur gehalten durch die Nägel, die die Hände durchbohren. Für Pater Firas Lutfi ist das, was ein Bombenangriff vom großen Kruzifix in der Kirche seiner Gemeinde im syrischen Aleppo übrig gelassen hat, wie ein Symbol: „Das Quartier ist zerstört, aber der gekreuzigte Jesus Christus ist da und bleibt da. Er leidet mit uns. Und er braucht unsere Arme um zu helfen.“

Das beschädigte Kruzifix in der Kirche seiner Gemeinde ist für Pater Firas Lutfi ein Symbol: „Jesus Christus ist da und leidet mit uns.“ | Foto: pbm
Das beschädigte Kruzifix in der Kirche seiner Gemeinde ist für Pater Firas Lutfi ein Symbol: „Jesus Christus ist da und leidet mit uns.“ | Foto: pbm

Firas Lutfi lebt mit seinen Mitbrüdern des Franziskanerklosters St. Antonius von Padua in West-Aleppo. Ihre Kirche ist beschädigt, aber noch nutzbar – als eines der wenigen christlichen Gotteshäuser in der vom Krieg in Syrien gebeutelten Stadt. In einer benachbarten, von der Regierung gebauten Unterkunft betreuen die Franziskaner 3.000 Flüchtlinge aus Ost-Aleppo, dem Stadtteil, in dem Ende vergangenen Jahres im Zuge seiner Rückeroberung durch Regierungstruppen besonders heftige Kämpfe tobten.

„Wir brauchen euer Gebet“

Über seine Erfahrungen tauschte sich Pater Firas in Münster mit Weihbischof Stefan Zekorn, Dr. Elke Kleuren-Schryvers aus Kevelaer, Vorsitzende von „Humanität e.V.“, und ihrem Mann Peter Tervooren aus. Dabei ging es auch um Möglichkeiten zur Unterstützung.

Natürlich sind Spenden nötig. „Lebensmittel sind in Aleppo zwar zu bekommen, aber sie sind sehr, sehr teuer“, berichtete Pater Firas. Auch beim Wiederaufbau zerstörter Häuser helfen die Franziskaner. Noch wichtiger als materielle Unterstützung ist Pater Firas aber eine andere: das solidarische Gebet von Christen in aller Welt. „Die Menschen fragen uns, wo Gott ist, aber sie fragen auch, wo ihre Geschwister im Glauben sind“, erzählt er. Er appelliert an alle Christen: „Wir brauchen euer Gebet, es gibt den Menschen in Aleppo sehr viel.“

Muslime und Christen arbeiten in Aleppo zusammen

Wer die Franziskaner in Syrien unterstützen möchte, findet alle nötigen Informationen im Internet unter www.proterrasancta.org/de . Der Verein „Pro Terra Sancta“ gehört dem Franziskanerorden an.

Egal, um welche Form von Hilfe es geht: Pater Firas möchte sie nicht auf Christen beschränken. Das Miteinander von Christen und Muslimen in Aleppo sei gut, betont er: „Die Liebe kennt keine Grenzen zwischen Menschen.“ In diesem Sinne arbeiteten auch viele Christen und Muslime bei Hilfsaktionen zusammen.

Syriens Problem bestehe nicht in etwaigen Auseinandersetzungen zwischen der „bösen“ Regierung und den „guten“ Rebellen, sondern in den Angriffen islamischer Fundamentalisten. „Es ist kein Bürgerkrieg, sondern hat rein ökonomische Gründe“, sagt Pater Firas. Drei Millionen Einwohner habe Aleppo vor dem Beginn der Auseinandersetzungen vor sechs Jahren gehabt. Heute leben hier, schätzt der Pater, noch anderthalb bis maximal zwei Millionen Menschen.

Die Erfahrungen aus sechs Jahren Krieg sitzen tief

Hoffnung und Angst liegen für die, die noch in Aleppo sind, dicht beieinander. Ende 2016 habe seine Gemeinde zum ersten Mal seit Jahren wieder gemeinsam Weihnachten feiern können, wie in der Region üblich mit Musikkapelle und viel fröhlichem Lärm. „Als aber die Trommeln geschlagen wurden, haben die Kinder Angst bekommen“, erzählt Pater Firas. Die Erfahrungen aus sechs Jahren Krieg sitzen tief.

Deshalb möchten die Franziskaner als nächstes eben jenen traumatisierten Kindern besonders helfen. „Sie haben seit Jahren keine Schule besucht, kennen nur Krieg“, begründet er, „wenn wir jetzt nichts für sie tun, wird aus ihnen die nächste Generation Krieger.“ Auf dem Klostergelände sei Platz genug, um für die Kinder eine schöne Umgebung zum Lernen und Spielen, zum Kind-Sein zu schaffen. Musik, Theater und Tanz sollen sie hier erleben können, dafür arbeiten die Franziskaner mit qualifizierten Therapeuten zusammen.

Natürlich habe der Krieg aber nicht nur die Kinder geprägt. „Menschen fragen uns, ob sie bleiben oder fliehen sollen“, sagt Pater Firas, „für uns ist das nicht leicht zu beantworten, aber meist raten wir ihnen zum Bleiben. Denn die Geschichte von Aleppo war immer eine Geschichte der Kirche und der Christen.“ Dass diese Geschichte weitergeht, dafür setzt er sich mit seinen Mitbrüdern ein.