Kommentar zum Wechsel als Generalvikar des Erzbistums Berlin

Pater Manfred Kollig geht: Ein herber Verlust

Pater Manfred Kollig (links) während der Bistumsschulwoche 2010 in einer Einkaufspassage in Münster. Seinen Wechsel nach Berlin kommentiert Markus Nolte.
Pater Manfred Kollig (links) während der Bistumsschulwoche 2010 in einer Einkaufspassage in Münster. Seinen Wechsel nach Berlin kommentiert Markus Nolte.Foto: Michael Bönte

Für einen Freigeist wie Pater Manfred Kollig ist die Berufung zum Generalvikar in Berlin eine geniale Herausforderung. Doch das Bistum Münster verliert einen Mann in der Bistumsleitung, der selbstkritisch und mutig eine radikal an Gott und den Menschen orientierte Kirche verkörperte. Ein Kommentar von Markus Nolte.

Keine Frage: Berlin ist das perfekte Parkett für Pater Manfred Kollig. Wo Gott, Glaube und Kirche nicht selbstverständlich sind – da fühlt er sich wohl. Weil Gott, Glaube und Kirche längst nicht mehr selbstverständlich sind. Nicht im Bistum Münster, und schon mal gar nicht in der Bundeshauptstadt. Pater Kollig ist Realist durch und durch. Er macht sich nichts vor, und er verschont auch andere nicht mit der Wirklichkeit. 

Der große Unterschied zu vielen Pessimisten und Miesepetern innerhalb und außerhalb der Kirche: Für ihn ist es der Normalfall, Gott da zu entdecken, wo er nicht oder bestenfalls geahnt wird. Mit großem Einsatz geht Kollig da ans Werk, mit unbändiger Kreativität - und mutigen neuen Schritten. Angst vor Unbekanntem oder vor Veränderungen kennt er nicht. Im Gegenteil: Da sieht er den Glauben, da sieht er die Kirche und sich selbst erst so richtig herausgefordert. Da ist er in seinem Element.

Sogar in Münster ist Pater Manfred vor einigen Jahren in ein Einkaufszentrum gegangen, um dort während der „Bistumsschulwoche“ mit Passanten über Gott ins Gespräch zu kommen. Weil Kirche für ihn vor allem »draußen« anzutreffen ist. Einfache Antworten sind seine Sache nicht, überkommene schon gar nicht. Kollig stellt eher Fragen, stellt in Frage - um zum Kern des Glaubens und zum Kern der Menschen zu kommen. Darunter macht er’s nicht. Und immer in diesem Duett: Gott und die Menschen stehen ganz oben. Dann erst kommen Strukturen und Strategien.

Menschenkenner, Gottesliebhaber

Keine leichte Angelegenheit - weder für seine Mitarbeiter noch für seine Vorgesetzten. Sein Anspruch ist enorm. Billig, niveaulos, oberflächlich ist dieser Gott nicht, sind auch die Sehnsüchte der Menschen nicht. Dem hat sich die Seelsorge selbstkritisch und innovativ auch als Kundschafter zu stellen. Modelle und Wegweisungen dafür holt Pater Manfred zweifelsohne aus der Bibel, die er spürbar tief durchdrungen und errungen hat und mit großer Kenntnis und in verständlicher Sprache vermitteln kann. Damit ihre Botschaft eine Chance hat, auch heute Menschen zu bewegen, greift er mit neugieriger Offenheit und wachem Weitblick auf Filme, Literatur, bildende Kunst, Medien zurück. Da wird Berlin ein Eldorado sein.

Vor allem aber ist Pater Manfred einer, der eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt. Wer immer mit ihm zu tun hat, kann sich darauf verlassen, dass er ihm zuhört, ihn zu verstehen sucht, auch in Turbulenzen menschliche Wärme ausstrahlt. Pater Manfred ist durch und durch Seelsorger, Menschenkenner, Gottesliebhaber. Er versteht es, Klartext zu reden – dabei nicht zu spalten, sondern zu vereinen, ohne vorschnell Konflikte mit Harmoniesoße zu übergießen. Wer nach Authentizität im Kirchenpersonal sucht - bei Pater Manfred wird er fündig.

Große Freiheit, große Loyalität

Dass er nun Münster verlässt, ist ein herber Verlust. Ein menschlicher, ein seelsorglicher, ein fachlicher. Wie kaum ein Zweiter im Bistum versteht er es, sich große innere Freiheit zu bewahren und dennoch in loyal und verlässlich Leitung wahrzunehmen. Pater Manfred wagt grundsätzlich mindestens einen Schritt weiter, als vielen möglich scheint. Und er schafft es, andere zu ermutigen und ihnen den Rücken freizuhalten, um es ihm gleich zu tun. 

Und doch: Berlin ist das perfekte Parkett für Pater Manfred. Auch wenn es verwundert, dass Erzbischof Heiner Koch offenbar keinen Stellvertreter im bistumseigenen Klerus gefunden hat: Die Bundeshauptstadt ist wie geschaffen für Pater Kollig. Kulturprofis und Querdenker, Freigeister und Querulanten, große soziale Probleme und die große Politik - ein ideales offenes Feld für einen, der Gott immer außerhalb ahnt. Dort Kirche gestalten zu können, hat das Potenzial zu einem gewaltigen Aufbruch weit über das Erzbistum Berlin hinaus. Gottes Segen dafür! Aber fehlen wird er hier doch.