Manfred Lütz veröffentlicht Memoiren seines Großonkels

Paulus van Husen – ein fast vergessener NS-Widerständler

Es sind dramatische Wochen in Berlin. Im Untergangsszenario der Nazi-Diktatur kommt der Volksgerichtshof am 19. April 1945 zum letzten Mal zusammen. Die NS-Fanatiker verurteilen Paulus van Husen zu einer dreijährigen Zuchthausstrafe. Eine Woche später, am 25. April 1945, befreien ihn sowjetische Truppen aus dem Strafgefängnis Berlin-Plötzensee.

Viele Jahre später, in den 1960er Jahren, schreibt Paulus van Husen auf 977 Seiten seine Memoiren. Weitere 30 Jahre vergehen, bis van Husens Großneffe, der Buchautor, Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz, das Manuskript wiederentdeckt. Der Fund entpuppt sich als historisch wertvoll, weil die Lebenserinnerungen einen tiefen Einblick in das Kaiserreich, die Weimarer Zeit, die Nazi-Diktatur und Nachkriegszeit bietet.

Manfred Lütz entdeckt Memoiren

Manfred Lütz und Paulus van Husen
Als der Wagen nicht kam – Eine wahre
Geschichte aus dem Widerstand
384 Seiten, gebunden, 25,- €, Verlag Herder,
ISBN: 978-3-451-38421-9
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2010 veröffentlicht der Historiker Karl-Joseph Hummel eine wissenschaftliche Ausgabe der Memoiren. Nun legt Manfred Lütz eine Auswahl der Erinnerungen vor, die einen breiteren Leserkreis ansprechen.

Paulus van Husen gehört zu den fast vergessenen katholischen Widerstandskämpfern, auch wenn als er selbst in der Nachkriegszeit wichtige Funktionen bekleidete: Zwischen 1949 und 1959 ist er Präsident des Oberverwaltungsgerichtes und des Verfassungsgerichtshofes von Nordrhein-Westfalen mit Sitz in Münster.

Landrat in Schlesien

Van Husen ist Sohn einer westfälischen Arztfamilie. Er studiert im Kaierreich Jura und wird in den 1920er Jahren in Schlesien stellvertretender Landrat. Als politischer Dezernent beim Regierungspräsidenten in Oppeln gewinnt das Zentrumsmitglied Einblick in die Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschen.

Bereits nach kurzer Zeit gehört er zu den führenden schlesischen Zentrumspolitikern. Zwischen 1934 und 1940 als Oberverwaltungsgerichtsrat Oberverwaltungsgericht in Berlin tätig, wird van Husen wegen seiner Ablehnung des Eintritts in die NSDAP und seiner sehr ausgeprägten katholischen Gesinnung nicht befördert.

Mitglied im Kreisauer Kreis

Als van Husen 1940 Rittmeister beim Oberkommando der Wehrmacht in Berlin wird, kommt er in Kontakt zum Kreis um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg, die später zum Kern der Verschwörer vom 20. Juli 1944 gehören. Auch Claus Graf Schenk von Stauffenberg lernt van Husen kennen. Der Jurist schließt sich dem Kreisauer Kreis an, einer bürgerlichen Widerstandsgruppe gegen die Nazi-Diktatur. Seine Aufgabe ist es, Kontakte zu katholischen Kirchenkreisen zu festigen. Für den Fall eines gelungenen Umsturzes ist er als Staatssekretär im Innenministerium vorgesehen.

Nach dem gescheiterten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 wird van Husen noch im August 1944 festgenommen und später verurteilt. In wiedergewonnener Freiheit gehört er im Sommer 1945 zu den Gründern der Berliner CDU.

Aufbau der Justiz in Nordrhein-Westfalen

Auf der Suche nach den wenigen unbelasteten Juristen für den Aufbau der deutschen Justiz schlägt der münstersche Zentrumspolitiker Bernhard Reismann, der im Düsseldorfer Landtag den Justizausschuss leitet, 1949 van Husen für das Amt des Präsidenten des Oberverwaltungsgerichtes vor.

In seinen Memoiren schreibt van Husen: „Bei meinem Ausscheiden 1959 waren meiner Erinnerung nach beim Oberverwaltungsgericht außer dem Vize-Präsidenten Dr. Lehmann und mir nicht viele Richter zu entdecken, die nicht Mitglied der NSDAP gewesen waren.“