Themenwoche „Ein Jahr Ukraine-Krieg“ (4) - Die Sicht der Friedensbewegung

Pax Christi: Festhalten am Ukraine-Krieg endet in der Katastrophe

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Vor einem Jahr hat Russland seinen Angriffskrieg auf die ganze Ukraine ausgeweitet. Wo stehen wir heute? Antworten von Klaus Hagedorn aus Oldenburg. Der Pastoralreferent im Ruhestand ist Geistlicher Beirat der deutschen Sektion der katholischen Friedensbewegung Pax Christi.

Seit einem Jahr greift Russland die gesamte Ukraine an, die wiederum der Westen unterstützt. Wie soll der Krieg unter diesen Umständen enden?

Ich hoffe, nicht mit einem dritten Weltkrieg oder einer Eskalation mit taktischen Nuklearwaffen. Was den völkerrechtswidrigen Überfall auf die Ukraine so gefährlich macht, ist, dass sich nach einem Jahr alle Parteien einzig darauf konzentrieren, den anderen zu besiegen. Wir könnten auf eine Eskalation zusteuern, die die Ukraine zerstört, die angrenzenden Nachbarn und sogar die ganze Welt. Wir reden mit Blick auf den Klimawandel von so genannten Kipp-Punkten mit irreversiblen Folgen. Einen Kipp-Punkt sehe ich auch in diesem Krieg. Es braucht dringlichst Verhandlungen. Wenn weiter darauf abgezielt wird, diesen Krieg gewinnen zu wollen, kann das nur in einer Katastrophe enden. Wie will man konventionell einen Krieg gegen eine Atommacht gewinnen? Es muss darum gehen, den Frieden zu gewinnen, nicht den Krieg. Das kann nur gelingen durch Verhandlungen.

Ein Waffenstillstand wäre aktuell eher ein Erfolg für Wladimir Putin und Russland. Wie realistisch sind da Verhandlungen – kämen sie nicht zu früh?

Klaus Hagedorn
Klaus Hagedorn ist Geistlicher Beirat der deutschen Sektion der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. | Foto: privat

Ist das nicht eine Frage, die sich der Militärlogik anschließt? Der Krieg muss gestoppt werden. Wir sind eine globale Gemeinschaft und auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Warum verfängt diese Einsicht so wenig? Verhandlungen setzen einen Waffenstillstand voraus, aber der scheint in weiter Ferne. Das darf nicht dazu führen, dass wir nicht mehr auf Diplomatie setzen, uns deprimieren lassen und die Dinge laufen lassen. Militärische Gewalt schafft letztlich keinen Frieden, Frieden entsteht nur durch Entfeindung und Versöhnung. Es braucht Mediatoren, die beide Seiten zusammenbringen, die verlässliche Beziehungen zu den Kriegsparteien aufbauen können. Wo sind sie? Wer sucht sie? Ich hoffe, dass es solche Initiativen gibt, die ja immer auch im Geheimen arbeiten müssen. Ich hoffe, dass die Kirchen hier aktiv sind, auch wenn zwischen der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche offiziell Eiszeit herrscht. Auch die Vereinten Nationen müssten eine tragendere Rolle spielen. Sie sind gegründet worden mit der Perspektive, Kriege zu verhindern.

Was sagt Pax Christi zu Waffenlieferungen an die Ukraine?

Zuallererst erinnern wir daran, dass wir die Botschaft Jesu ernst nehmen und daher grundsätzlich den Einsatz von Gewalt ablehnen. Jesus steht für aktive Gewaltfreiheit.  Liebe ist das Gebot Jesu, es gilt für Freunde wie für Feinde. Liebe erkennt – allem zum Trotz – in jedem Menschen das Antlitz Gottes. Das bedeutet jedoch nicht, die Aggression des anderen hinzunehmen. Liebe bemüht sich vielmehr, das Böse zurechtzurücken und der Aggression Einhalt zu gebieten. Der Krieg konfrontiert uns mit den Dilemmata des Einsatzes von Gewalt. Da ist das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine einerseits und andererseits das grundsätzliche Nein zum Einsatz militärischer Gewalt. Viele bei Pax Christi halten mit Blick auf die langfristigen Folgen und mit Blick auf theologische Grundlagen an der Option für Gewaltfreiheit fest. Es gibt bei uns aber auch Stimmen, auf Solidaritätsanforderungen der Ukraine auch mit Waffenlieferungen zur Verteidigung zu reagieren. Wir ringen ziemlich stark.

Wo wäre für Sie eine Grenze überschritten bei der militärischen Unterstützung durch den Westen?

Die Grenze ist für mich schon überschritten. Wir sehen ja die Folgen der Lieferung von immer stärkeren Waffensystemen. Wir sind in einer Gewaltspirale gefangen. Die Frage ist, wie da herauszukommen ist. Wir unterstützen alle Versuche, diesen Krieg durch Verhandlungen zu stoppen. Wir fordern die Politik auf, nicht allein der Militärlogik zu folgen.

Lange ist uns Krieg nicht so nah gekommen. Wie verändert das die Positionen von Pax Christi?

Wir versuchen, die öffentliche Debatte aus der militärischen Engführung zu holen und die vielen Möglichkeiten gewaltfreien und deeskalierenden Handelns bekannter zu machen. Dieser Krieg darf und wird uns als katholische Friedensbewegung nicht zerreißen. Wir nehmen wahr: Der Ruf nach gewaltfreiem Widerstand hat derzeit wenig Chance, da sich die Regierungen für den militärischen Weg entschieden haben. Wir drängen trotzdem die Verantwortlichen in Politik und Kirchen, den Dialog mit allen Seiten hartnäckig und mit Geduld zu suchen und Gesprächskanäle offen zu halten. Pax Christi sagt: Selbstverteidigung hat ein Recht. Aber es gibt eine Alternative, einen anderen Weg, den der aktiven Gewaltfreiheit, für uns inspiriert durch den gewaltfreien Jesus. Wir plädieren deshalb so stark für Verhandlungen. Viele bei Pax Christi engagieren sich zudem an der Seite der Kriegsopfer, nehmen Geflüchtete auf, organisieren Medikamententransporte oder bemühen sich um Kriegsdienst-Flüchtlinge.