Rosemarie Gorschlüter erlebte in ihrer Jugend Beeindruckendes

Persönliche Erinnerungen an Kardinal von Galen

Es ist eine andere Zeit, in die der Zuhörer eintaucht. Wenn Rosemarie Gorschlüter von ihren Erinnerungen an ihre Kindheit in Münster berichtet, wird Geschichte lebendig. Die 93-Jährige nimmt ihn mit in die Wirrungen des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Das tut sie nicht mit Zahlen und Daten, sondern mit jenen Geschichten, die sie in ihrer Familie, in der Schule und auf der Straße erlebte. Nicht wenige und besonders eindrucksvolle spielten sich im Raum der Kirche ab. Ein berühmter Mann stand dabei im Mittelpunkt.

„Ich kann mich heute noch an jeden Kanaldeckel erinnern, den es auf der Klosterstraße gab“, sagt Gorschlüter. „Sie ruckelten immer unter den Rollschuhen.“ Rund um die Servatii-Kirche war ihr Spielplatz. Sie war nicht nur Tauf- und Pfarrkirche. Sie war auch täglicher Treffpunkt mit den Kindern der Nachbarschaft. Und sie war die Kirche, in die Familie Gorschlüter sonntags immer ohne ihren Vater ging. Der war nämlich evangelisch. „So schlimm fanden wir das als Kinder nicht“, erinnert sie sich. „Er machte dann immer ein leckeres Frühstück.“

Vater sollte katholisch werden

Ganz so einfach aber war die Situation einer konfessionsverschiedenen Ehe damals nicht. „Ich bin von vielen Menschen drangsaliert worden“, erinnert sie sich. „Rosemarie, du musst ganz viel beten, damit dein Vater katholisch wird“, sagten ihr nicht nur Geistliche und Lehrer, sondern auch Verwandte. „Ich wurde überschüttet mit Heftchen, in denen stand, wie und warum.“

Auch die Synagoge gehörte zu dieser „Heimat“, wie die Witwe es nennt. „Wir staunten immer über die festlich gekleideten Menschen mit den auffälligen Frisuren dort.“ Ihre Schwester schlich sich einmal sogar hinein und erlebte einen jüdischen Gottesdienst. „Ich fand das unheimlich mutig.“ Umso einschneidender waren für Gorschlüter die Erlebnisse der Reichs¬pogromnacht 1938. „Alles voller Scherben, Stoffballen und Spielzeug aus jüdischen Geschäften auf der Straße. Und ein SA-Mann vor der zerstörten Synagoge. Als sie auf dem Schulweg an ihm vorbei kam, schaute gerade eine Clemensschwester aus dem gegenüberliegenden Mutterhaus. „Ihr seit die Nächsten“, schrie er. „Ihr Römer.“ Die damals 13-Jährige erschrak. „Ich bin zitternd wieder nach Hause gerannt.“

Ausdruck christlicher Protesthaltung

Denn sie war von daheim etwas anderes gewohnt. „Bei uns stand der christliche Glaube über allem“, erinnert sie sich. „Es gab keinen Gedanken an Ausgrenzung oder Hass gegenüber andern Menschen.“ Ihr Vater besaß auf der Salzstraße ein Schreibmaschinengeschäft und hatte Freunde unter den jüdischen Geschäftsleuten. Sie selbst war im katholischen Jugendverband. „Das war damals nicht ganz ungefährlich.“

In dieser Zeit trat ein Mann in ihr Leben, der sie nachhaltig beeindruckte. „Er wurde zum Ausdruck unserer christlichen Protesthaltung, zu einer Leitfigur.“ Sie kann sich noch genau erinnern, als Clemens August von Galen 1929 bei seinem Antrittsbesuch als Pfarrer in der Pfarrgemeinde in der Tür der Dachwohnung ihrer Familie stand. „Ein Riese, ich musste steil nach oben schauen.“ „Oh, sin dat al yur Kinderkes“, fragte er. Ihre Mutter war Rheinländerin. „Sie tat sich schwer, sein Plattdeutsch zu verstehen.“

Ein Riese stand in der Tür

Von Galen blieb ein „Riese“ für sie. Alle weiteren Begegnungen bestärkten sie in dem Eindruck, dass ein starker, entschlossener und großartiger Mann vor ihr stand. Etwa wenn sie ihn mit ihren Freundinnen auf dem Domplatz umzingelten: „Immer mit Knicks.“ Dann war der Händedruck des großen Mannes in schwarzer Soutane und großem Hut fest. „Wir waren auf jede Begegnung stolz.“

Oder wenn sie etwas später, zu seiner Bischofszeit, um das bischöfliche Palais rannten und riefen: „Wir wollen unseren Bischof sehen.“ Er tat dies immer. Manchmal am Fenster, manchmal kam er heraus. Er drückte Hände, segnete oder sang ein Lied. Das kann Gorschlüter heute noch anstimmen: „Christus mein König, dir allein schwör ich die Treue ...“

Mit dem Fahrrad hinterher

Es gab herausragende Erlebnisse mit dem damaligen Bischof. Ihre Firmung gehörte dazu. „Weil er sich für die Handauflegung nicht alle Namen merken konnte, hießen wir Mädchen alle Eleonore.“ Oder an die Wallfahrten mit ihm nach Telgte. Rosemarie und ihre Freundinnen nahmen ihre Fahrräder mit, an denen so genannte Laufschellen montiert waren. Wenn von Galen dann mit der Kutsche nach Münster zurückfuhr, hatte er die radelnde Kinderschar direkt hinter sich. „Ab dem Kanal haben wir die Schellen laufen lassen – das war ein höllischer Lärm.“

Es gab aber Begegnungen, die aus ihren Erinnerungen noch weiter herausragen. Etwa die zweite berühmte Predigte gegen die Euthanasie der Nationalsozialisten, die von Galen 1941 in der münsterschen Stadtkirche St. Lamberti hielt. „Ich stand unter der Orgel, mit Gänsehaut.“ Weil viele Zuhörer Beifall spendeten. Keine zwei Stunden später war die Predigt in gedruckter Form bei ihnen daheim. Ihr Vater setzte sich an die Schreibmaschine, um die Texte zu vervielfältigen. „Er als Protestant war ein glühender Anhänger des Bischofs.“ In den folgenden Tagen gingen viele Briefe mit den Worten von Galens in die Verwandtschaft und an Freunde.

"Ein Mann wie von Galen fehlt heute"

Es folgten die Kardinalsernennung, die Heimkehr als Kardinal aus Rom, seine Predigt vor dem zerstörten Dom. Rosemarie Gorschlüter war immer mit dabei. Ihre letzte Begegnung mit ihm aber war wohl die eindrucksvollste. Es war im Frühjahr 1946, und sie stand wieder vor dem Palais. „Dieses Mal riefen wir, dass wir den Kardinal sehen wollen, nicht den Bischof.“ Wieder kam von Galen heraus. Aber er sprach anders: „Kinder, jetzt geht mal nach Hause, jetzt ist es gut. Wir sehen uns ja wieder – wenn nicht hier, dann da.“ Sie kann heute noch seine Handbewegung gen Himmel nachmachen. „Als ich ihn das nächste Mal sah, lag er aufgebahrt in der St.-Mauritz-Kirche.“

Für Gorschlüter ist der Kardinal aus zwei Gründen ein Riese geblieben. „Weil er standhaft im Glauben gehandelt hat.“ Und: „Durch seine großherzige, freundliche Art.“ Sie sagt, ein solcher Mann würde der heutigen Zeit guttun. „Von Galen würde eine gewaltige Predigt halten – zur Flüchtlingsfrage, zur Gleichgültigkeit gegenüber christlichen Glaubensfragen, zum aufkeimenden Nationalismus.“ Da würde er den richtigen Ton treffen: „Scharf, eindeutig und furchtlos.“