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Gelebte Inklusion: Julian Gehrke kam mit Trisomie 8 auf die Welt – und leitet eine DPSG-Wölflingsgruppe

Pfadi-Gruppenleiter mit Handicap und Stärken

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Julian Gehrke kam mit Trisomie 8 auf die Welt, eine seltene Diagnose. Manches kann er nicht so gut wie die meisten anderen. Aber er hat auch Stärken, die er als Gruppenleiter im Stamm St. Josef der Grevener DPSG ausspielen kann. Und nicht nur dort.

Alles ganz normal, nur etwas anders. Er kennt sein Stärken, aber auch seine Grenzen. „Ich kann gut trösten, zuhören, mich kümmern.“ Julian Gehrke lächelt und nickt. Das sind manchmal ziemlich wichtige Eigenschaften, etwa im Pfadfinder-Zeltlager, wenn Kinder Heimweh haben. „Oder, wenn sie in der Mittagspause spielen wollen, und kein anderer Gruppenleiter Lust hat.“ Der 34-Jährige lächelt. „Dann bin ich dabei. Hauptsache, die Kinder haben Spaß.“

Helfen ist Ehrensache für ihn. Schon fast 25 Jahre gehört er zum Stamm St. Josef der Grevener Georgspfadfinder. Stolz zeigt er sein Pfadfinderhemd. „Es ist so etwas wie mein Heiligtum“, sagt er und weist auf die bunten Sticker darauf. „Der hier zum Beispiel ist vom Bezirkslager in Saerbeck und die sind hier vom Friedenslicht.“

Arbeit mit Kindern ist sein Ding

Immer dienstags leiten er und ein Freund eine Wölflingsgruppe mit Kindern zwischen sieben und zehn Jahren. Begeistert erzählt er, wie er Spiele für sie vorbereitet, mit ihnen bastelt oder ihnen beibringt, wie man einen Knoten macht oder ein Lagerfeuer anzündet. „Auch die kleinen Tricks dabei“, sagt er lächelnd.

„Arbeit mit Kindern war immer mein Ding“, sagt Julian Gehrke und nickt. Das hat er schon gespürt, als er zum ersten Mal bei DLRG-Schwimmkursen im Grevener Hallenbad geholfen hat. Aber er kennt auch seine Grenzen, sein „Handicap“, wie er es nennt.

„Die meisten haben irgendein Handicap“

Er mag das Wort. „,Menschen mit Handicap‘ klingt auf jeden Fall besser als ,Behinderte‘“, erklärt er und sagt, dass ihn manche Kinder früher „Behindi“ gerufen hätten. Das war nicht so schön. „Die meisten Menschen haben doch irgendein Handicap.“

Seines ist ziemlich selten. Wer „Trisomie 8“ googelt, der erfährt, dass weltweit nur rund 120 Fälle dokumentiert sind. Oft führt die Gen-Konstellation zum Beispiel zu einem Herzfehler. „Bei mir Gott-sei-Dank nicht“, sagt Julian Gehrke.

Alltagshelfer bei Ledder Werkstätten

Die außerdem typische Fehlstellung seiner Zehen hat er vor ein paar Wochen operieren lassen. Er hofft, dass er sich seine Fußsohlen beim Barfußlaufen im Sommer jetzt nicht mehr so schnell wund scheuert.

Auch eine Lernbehinderung gehört bei vielen mit Trisomie 8 Geborenen dazu. Julian Gehrke war als Kind auf zwei verschiedenen Förderschulen. Mittlerweile ist er bei den Ledder Werkstätten für Menschen mit Behinderung beschäftigt, seit sechs Jahren als „Alltagshelfer“ für schwerstbehinderte Kolleginnen und Kollegen in der Außenstelle in Riesenbeck. Genau das Richtige, meint er. „Ich kümmere mich um sie, helfe bei den Mahlzeiten, bringe ihnen Sachen, unterhalte mich mit ihnen.“

Tandem-Berater der Lebenshilfe

Daneben ist er regelmäßig als so genannter Tandem-Berater des Vereins Lebenshilfe im Einsatz. Gemeinsam mit einer nichtbehinderten Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter fährt er zu Familien, um sie über Hilfen zu informieren. Die Idee dahinter: Weil er selbst ein Mensch mit Handicap ist, kann Julian Gehrke besser den Zugang zu anderen Betroffenen finden und ihnen helfen, gute Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel darüber, wie und wo sie wohnen wollen.

Er selbst hat sich für das Obergeschoss seines Elternhauses entschieden. Dort hat er sich eine eigene Wohnung eingerichtet. Mit geräumiger Küche, selbstgeschossenen Naturfotos und Postern von Heavy-Metall-Festivals an den Wänden, einer Schlumpfsammlung in einer Vitrine und einem Flachbildschirm im Wohnzimmer.

Wenn sich einer nicht traut ...

Anderen zu helfen – dass ihm so etwas liegt, das erlebt er bei den Pfadfindern immer wieder. Julian Gehrke erzählt von dem ängstlichen Jungen, der sich nicht traute, mit den anderen zu spielen. „Ich habe das gesehen und ihn nach und nach dazu gebracht, dass er sich in die Gruppe eingebracht hat.“ Und jetzt gehöre der Junge dazu, sagt Julian Gehrke mit einer Stimme, die ausdrückt: „So etwas kann ich eben gut!“

Und er selbst? Hat er sich früher auch Dinge nicht getraut? Zum Beispiel, über sein Handicap zu sprechen? Julian Gehrke nickt. „Ja, lange habe ich ein Geheimnis daraus gemacht. Aber ich habe gemerkt, dass es besser ist, wenn ich offen damit umgehe, dass ich Grenzen habe.“

Leichte Sprache macht vieles einfacher

Trotz Förderschule – die Schulzeit sei nicht leicht gewesen. „Zum Beispiel Rechnen oder Schreiben, da bin ich nicht der Fitteste.“ Julian lächelt. „Ich kann zwar schreiben und rechnen. Aber ich brauche meine Zeit, um Texte zu verstehen.“

Besonders, wenn sie nicht in leichter Sprache verfasst sind. Er gibt ein Beispiel: „Wenn in einem Text über einen Autounfall mal von ,Personen‘, mal von ,Passagieren‘ und mal von ,Insassen‘ die Rede ist.“ Das bringt ihn leicht durcheinander.

Großes Interesse an Politik

Trotzdem versucht er es weiter, liest die Tageszeitungzeitung, schaut Nachrichten, interessiert sich für Politik. Er macht sich Gedanken, weiß Bescheid und hat eine Meinung zu Dingen wie Mindestlohn, Steuern, Parteien – und über Gerechtigkeit.

Wie hat es ihn geärgert, als nach einer Affäre um nicht zertifizierte Corona-Masken vorgeschlagen wurde, man könne sie ja an Bedürftige und Behinderte verteilen! „Das geht ja wohl gar nicht!“, meint er immer noch sauer.

Das Problem mit dem Kleingedruckten

Wenn Dinge mal zu schwierig werden, fragt er nach. Zum Beispiel, wenn er auf dem Bahnsteig steht und das Kleingedruckte auf der Fahrkarte nicht versteht. „Die meisten helfen mir dann gerne.“
Und wenn es nicht geht? Wenn er an seine Grenzen stößt? Auch damit kann er umgehen. Wenn nötig, zieht er eben Konsequenzen. Bei den Pfadfindern zum Beispiel hat er mal versucht, eine Gruppe für Jungpfadfinder zu leiten, Jugendliche zwischen 10 und 13 Jahren.

„Aber das war nichts für mich. Die steckten mitten in der Pubertät und haben mich nicht ernstgenommen.“ Deshalb hat er damit schnell wieder aufgehört. Bei den Wölflingen sei das anders. Sie schätzen ihn, seinen Einsatz und seine besonderen Stärken. In der Leiterrunde kann er darüber reden. „Da wissen alle, was mein Problem ist, was ich besonders gut kann und was eben nicht. Das macht es einfacher.“

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