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Neues Buch zeigt Grenzen von Gehorsam auf

Pfarrer Frings und Ordensfrau fordern "Gehorsam 2.0" in der Kirche

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Gehorsam ist eine Wesensprinzip der katholischen Kirche. Pfarrer Thomas Frings und eine Benediktinerin aus Köln haben damit ihre eigenen Erfahrungen gemacht und fordern in einem neuen Buch grundlegende Veränderungen.

Gehorsam gegenüber dem Bischof ist eine wesentliche Forderung an katholische Priester und Laien. Hinter dieses auch im Kirchenrecht formulierte Prinzip setzen Thomas Frings, streitbarer früherer Pfarrer in Münster, und die Ordensschwester Emmanuela Kohlhaas ein dickes Fragezeichen. In einem gemeinsamen Buch mit dem Titel "Ungehorsam - Eine Zerreißprobe" erteilen sie einem blinden Gehorsam eine Absage.

Ausgangspunkt ihrer Ausführungen ist die Geschichte Abrahams, von dem Gott bedingungslosen Gehorsam verlangt. Er stellt ihn auf die Probe und verlangt von ihm, seinen Sohn Isaak zu opfern.

Isaak protestiert gegen den Gehordsam Abrahams

Das Buch
Thomas Frings / Schwester. Emmanuela Kohlhaas, "Ungehorsam - Eine Zerreißprobe", Verlag Herder, 272 Seiten 22 Euro, ISBN 978-3-451-38798-2. Dieses Buch können Sie bei unserem Partner Dialogversand bequem direkt bestellen.

Frings versetzt sich in die Situation von Isaak und stellt Abraham zur Rede: "Ich bin fassungslos!" Und: "Es geht um mein Leben und da fällt es dir anscheinend leichter, keinen Zweifel an dem zu haben, was du als Gottes Stimme meinst gehört zu haben." Schwester Emmanuela, seit 2010 Priorin der Benediktinerinnengemeinschaft Köln, denkt sich in die Lage von Abrahams Frau Sara, die sich ebenfalls gegen das Opfer auflehnt.

"Seit vielen Jahren hatte ich den Entwurf eines vehementen Widerspruchs seitens des Isaak in der Schublade liegen", schreibt Frings. Die Geschichte von Gott, der etwa Furchtbares einfordert, sei nicht nur eine exegetische Provokation.

Krisen lassen am Gehorsam zweifeln

Diese "Ungeheuerlichkeit" sei "tief eingedrungen in das kirchliche System und das Selbstverständnis von Dienen und Gehorsam", so der Geistliche aus dem Bistum Münster, der heute in Köln wirkt. Diese "mentale Grundlage" habe er selbst bei der Priesterweihe erlebt, bei der die Kandidaten dem Bischof und seinem Nachfolger "Ehrfurcht und Gehorsam" versprechen müssen.

Als er vor 33 Jahren diese Worte gesagt habe, sei er vom Gedanken durchdrungen gewesen, sich "einer hohen, ja einer heiligen Sache zu stellen", blickt Frings zurück. Noch heute seien seine damaligen Argumente im Sinn einer Verfügbarkeit für eine größere Sache gut, "doch haben die Krisen der letzten Jahre diesen tragenden Pfeiler des Systems schwer in Schieflage, wenn nicht gar unhaltbar oder untragbar gemacht".

Gegen den "vollkommenen" Gehorsam

Das Vertrauen gelte weniger der Person als dem Amt. In dieser Form könne das Gehorsamsversprechen auch "als Zeichen eines tiefsitzenden Misstrauens des Systems" verstanden werden.

Frings und Kohlhaas' Buch ist ein Plädoyer gegen die katholische Grundhaltung eines "vollkommenen" Gehorsams. Bei einem Vorgesetzten mit Kompetenz und geistlicher Weite könne die Akzeptanz von Entscheidungen leichter fallen. "Was jedoch, wenn sich der Entscheidungsträger auszeichnet durch Inkompetenz, Arroganz, Starrheit oder Ängstlichkeit?", so Frings. Hierarchie sei zu kombinieren "mit demokratischen Möglichkeiten und einer letzten Korrekturoption für den Heiligen Geist".

Machtmissbrauch im Kloster

Laut Schwester Emmanuela hat es in den Klöstern lange eine "Machtmissbrauch in Form spiritualisierter Gewalt" gegeben. Geherrscht habe ein "erdrückendes System klösterlicher Disziplin" ohne Gestaltungs-, Rückzugs- oder gar Privaträume, "voll von kleinlichen Regeln und unreflektierten Idealen".

Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei in ihrer Gemeinschaft mit der Priorin nur knieend gesprochen worden. "Wie der Pflichtzölibat der Priester ist die strenge Klausur der Nonnen ein Mittel der Disziplinierung", so Kohlhaas.

Wie "Gehorsam 2.0" aussehen könnte

Kontaktverbot mit der eigenen Familie wie der verweigerte Besuch des kranken Vaters seien aus heutiger Sicht "ein klarer Fall von spiritualisierter Gewalt". Die Klausur habe Frauenklöster zu "geschlossenen Systemen" gemacht. Dies helfe zu verstehen, warum Einrichtungen wie Internate, Kinderheime, psychiatrische Kliniken oder Altenheime "so leicht zu Stätten des Missbrauchs wurden und auch noch werden".

Inzwischen habe sich in ihrem Kloster viel geändert. "Nach und nach erhielten alle Schwestern Hausschlüssel, Telefon, Internetzugang. Wir waren 1990 das erste benediktinische Frauenkloster in Deutschland, in dem es den Schwestern offen erlaubt war, bei passenden Anlässen auch in Zivilkleidung das Haus zu verlassen, etwa bei Reisen, Arztbesuchen, zu Einkäufen, Freizeitaktivitäten." Für sie der richtige Weg zum "Gehorsam 2.0" - mit vereinbarten Regeln und auch Unterordnung, aber ohne Unterwerfung und Macht.

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