„In der Kirche hat derjenige das Argument, der die Macht hat“

Pfarrer Stefan Jürgens: Frauen zu allen Weiheämtern zulassen

Der Pfarrer von Heilig Kreuz Münster, Stefan Jürgens, hat die Zulassung von Frauen zu allen Weiheämtern in der katholischen Kirche gefordert. „Die Frage nach der Rolle von Frauen ist keine Machtfrage, sondern eine zutiefst theologische Frage, bei der es um die Glaubwürdigkeit der Kirche geht“, sagte er bei einem Vortrag in Münster vor rund 120 Zuhörern.

„Wenn wir das Problem nicht lösen, dass sie nicht genügend repräsentiert sind, werden uns immer mehr Leute davonlaufen“, sagte Jürgens. Eine Weihe von Frauen zu Diakoninnen, wie sie derzeit erwogen werde, reiche nicht aus.

Die Rolle von Papst Johannes Paul II.

Der Pfarrer erinnerte daran, dass Mann und Frau nach der Bibel gemeinsam Ebenbild Gottes seien und ihn darstellten in der Welt. Für Paulus gibt es weder Mann noch Frau, denn alle sind eins in Christus. Eine Eingabe der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971-1975) an den Vatikan wegen des Diakonats der Frau sei bis heute nicht beantwortet.

Jürgens sagte, er kenne keinen schöneren Text über die Würde und Berufung der Frau als das Apostolische Schreiben „Mulieris dignitatem“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1988. Derselbe Papst habe aber am 22. Mai 1994 im Apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ endgültig erklärt, dass die Kirche keine Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Über dieses Diskussionsverbot müsse man sich hinwegsetzen.

Ämter der Frauen in der frühen Kirche

„Die Geschichte der Verletzungen haben wir gerade in der Kirche nicht überwunden“, hob der Referent hervor. Inzwischen sei die Kirche unter Papst Franziskus allerdings auf dem Weg zu einer polyzentrischen Kirche, in der die Ortskirchen mehr entscheiden könnten. „Die Weihe von Frauen ist keine dogmatische Frage, sondern eine, die wir verschieden lösen könnten“, sagte Jürgens. „Vielleicht nicht in Afrika und Lateinamerika, aber zum Beispiel in Europa könnte es sie geben.“

Der Pfarrer wies darauf hin, dass Frauen möglicherweise schon in der frühen Kirchengeschichte Ämter innegehabt hätten und ihre Weihe daher keinen Traditionsbruch darstellen würde. Auch das Argument, Frauen könnten nicht berufen werden, weil Jesus nur Männer zu Aposteln berufen habe, sei nicht schlüssig. Wenn man genau dem Beispiel Jesu folgte, dürfte man nach Jürgens Meinung nur jüdische Männer, die Fischer oder Zöllner gewesen seien, zu Priestern weihen. Zudem dürfte es dann weltweit nur zwölf Bischöfe geben.

„Die Weihe befähigt – nicht das Geschlecht“

Auch werde gegen die Weihe von Frauen eingewandt, dass sie nicht „in persona Christi“ liturgische Handlungen vollziehen und der Gemeinde gegenübertreten könnten, weil Jesus ein Mann gewesen sei. „Warum sollte eine Frau, die geweiht ist, nicht die Rolle Jesu bei liturgischen Handlungen einnehmen können?“, fragte der Pfarrer. „Zur Christus-Repräsentation befähigt die Weihe, nicht das Geschlecht.“ Von einer bestimmten Anthropologie her schließlich würde gesagt, dass Männer und Frauen eben verschieden seien, von ihrer Natur her sei die Frau die Empfangende; wer diese Analogie weiterspinnte, müsste Sakramentenspendung und Gemeindeleitung adäquat als Zeugung deklarieren, womit selbst die männlich-klerikale Phantasie überfordert sein dürfte. Da es außerdem ohne Frauen keine kirchliche Caritas gäbe und sie ohnehin diakonische Dienste in der Kirche leisteten, sollte man ihnen auch eine entsprechende Weihe gewähren, so Jürgens.

Argumenten von Bischöfen, dass Frauen inzwischen viele leitende Funktionen in Generalvikariaten und an Hochschulen übernommen hätten, hielt Jürgens entgegen, Frauen zu loben statt sie zu weihen, bleibe letztlich klerikal und autoritär. Das billige ihnen Aufgaben zu, „insofern der Bischof es zulässt und sie genehm sind“. Hinter der These von der angeblichen Unvereinbarkeit von Frau und Kult steckten patriarchale, archaisch-magische Vorstellungen, nach denen die Frau wegen der Menstruation kultisch unrein sei.

Von Karriere und Anpassung

Außerdem würden Frauen im Amt bestehende homosexuelle Seilschaften in der Kirche nicht nur stören, sondern zerstören. „Machtstrukturen, die über Jahrhunderte entstanden sind, sind nicht auflösbar.“ Selbstverständlich suchten die allermeisten Seminaristen aufrichtig ihren Berufungsweg, betonte Pfarrer Jürgens. Das Priesterseminar sei jedoch auch ein willkommener Zufluchtsort für unreif gebliebene Männer und für Homosexuelle, die vor ihren eigenen Neigungen davonliefen. Diese Problematik sei bereits von Papst Franziskus angesprochen worden.

Auch sei es häufig erstaunlich, wer in der Kirche schnell Karriere mache. „Man wird nur Bischof, wenn man sich dem System anpasst“, fügte Jürgens hinzu. „Die Kirche ist eine absolutistische Monarchie, in der derjenige das Argument hat, der die Macht hat.“

Update: 21.09.2017, 15.30 Uhr: In dem Bericht über die Veranstaltung haben wir einige Ergänzungen und Präzisierungen vorgenommen.