LEITARTIKEL ZU PFINGSTEN

Für uns soll’s rote Rosen regnen!

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Es gebe zu viele Feiertage, heißt es immer wieder in der politischen Debatte. Warum jedoch Pfingsten bestehen bleiben muss, sagt P. Daniel Hörnemann.

Aus dem Zugbetrieb nehmen, abkuppeln, aufs Abstellgleis schieben und ausrangieren zur Verschrottung: Bahngesellschaften mustern überalterte Waggons aus, bei denen sich keine Reparatur mehr lohnt. Ähnlich würden manche Zeitgenossen an kirchliche Feiertage herangehen. Pfingsten sei solch ein Feiertag, den man getrost ausrangieren könnte, wie manche andere Feiertage auch, die kaum noch eine Bedeutung und für viele keinen Sinn mehr zu haben scheinen.

So meinen sie und wollen dieses Fest lieber verwerfen, als nach seiner Aussage und Relevanz zu fragen. Weihnachten biete immerhin noch romantische, emotional warme Atmosphäre von Kindergeburtstag, Ostern immerhin die dramatische Geschichte von Tod bis Auferstehung, Pfingsten sei jedoch inhaltlich kaum fassbar und daher obsolet. Zudem habe es in der Kirchengeschichte nie eine ähnliche Rolle innegehabt wie Weihnachten und Ostern.

Ungeheure Relevanz bis heute

Genauer betrachtet hat jedoch Pfingsten eine ungeheure bleibende Relevanz bis heute:
Der göttlichen Schöpferkraft wird in sieben Schöpfungswochen gedacht. Pfingsten = 50 (griechisch Pentekoste), gerechnet als 7 x 7 plus 1: siebenmal die Dauer des Schöpfungswerkes und noch eins darüber hinaus – das symbolisiert die Vollendung.

Das einstige jüdische „Wochenfest“ zur Weizenernte und zugleich zum Geschenk der göttlichen Weisung (Tora) wurde zum Fest der Besiegelung des christlichen Osterfestes. Der Schöpfung (Creatio) aus dem Urchaos zum Kosmos, mit dem Menschen an der Spitze als gesegnetem und verantwortlichem Wesen, folgen immer neu ihre menschengemachte Zerstörung und Auflösung (Decreatio), aber auch der von Gott ermöglichte Neubeginn (Recreatio).

Gottes gutes Schöpfungswerk

Gott ist anscheinend kein Freund von „Wüste und Leere“, von einem „Tohuwabohu“, das die niederländische Übersetzung der Groot Nieuws Bijbel so treffend und expressiv darstellt: „De aarde was onherbergzaam en verlaten“, die Erde bot keine Heimat und Geborgenheit, nur öde Verlassenheit. Dagegen setzte Gott sein gutes Schöpfungswerk. Leider, so möchte man angesichts bestimmter Figuren der Weltgeschichte immer wieder sagen, leider inklusive des Menschen.

Denn wir Menschen sind die einzigen Geschöpfe auf dieser Welt, die imstande sind, die gute Schöpfung Gottes in ihr Gegenteil zu verkehren und diese Welt als Ganzes aufs Spiel zu setzen. Gott sei Dank gibt es aber neben den destruktiven Kräften immer auch konstruktive und kreative, in denen und durch die sein schöpferischer Geist weiterwirkt.

Wo Verständnis auf der Strecke bleibt

Pfingsten erzählt unüberhörbar die Gegengeschichte gegen „Babel“, gegen die menschliche Hybris, das die eigene Person, alle anderen und alles andere, inklusive Gott, Übersteigen-Wollen, gegen alle Türmebauer unserer Zeit, die sich selbst ein Denkmal setzen und Gott entthronen wollen, um in hochmütiger Selbstüberschätzung und Maßlosigkeit die eigene Person auf den Thron zu bringen. Gigantische menschengemachte Pläne werden an der eigenen Arroganz scheitern.

Trotz aller Globalisierung, aller Technologie und künstlichen Intelligenz wird der Mensch doch nie die ganze Welt, die Natur, nicht einmal sich selbst beherrschen und einen Himmel auf Erden mit unendlichem Wachstum herbeizwingen können. Im Zeitalter der kommunikativen Vernetzung weltweit bleibt paradoxerweise gegenseitiges Verständnis auf der Strecke. Informationen werden manipuliert, Social Media schlagen die Menschen in ihren Bann, sie starren auf ihre Gerätschaften und vereinsamen.

Ein Fest der Befreiung und Ermutigung

Pfingsten hingegen ist ein Fest gegen Isolation, Erstarrung, Sprachlosigkeit, Beschränktheit, Angst, Resignation, Bequemlichkeit, Orientierungslosigkeit, ein Fest der Befreiung und der Ermutigung, Entgrenzung und Verständigung, Bewegung und Erneuerung, Unruhe und Veränderung. Es ist ein Fest der Kommunikation, denn Menschen aus allen Nationen und Sprachen finden zu einer Gemeinschaft zusammen.

Für kurze, aber einprägsame Momente ist das immer noch spürbar, so bei der berühmten „La Pioggia delle Rose“. In Rom hat eine der Hauptkirchen als Alleinstellungsmerkmal ein großes Loch mit neun Metern Durchmesser. Die Öffnung im Dach des Pantheon, das Opaion, ist das Auge zum Himmel.

Das Wunder im Pantheon

1995 hat der damalige Kaplan, Antonio Tedesco, eine Tradition wiederbelebt. Am Ende der Pfingstmesse werden Heilig-Geist-Lieder gesungen und der Rosenregen beginnt. Vigili del Fuoco, römische Feuerwehrleute, haben die Kuppel erklommen und werfen, von unten unsichtbar, säckeweise Rosenblätter durch das Himmelsauge. Alle Gesichter der Besucher wenden sich nach oben, tausende Blätter erfüllen den Raum und wirbeln nach unten. Manche ergreifen die schwebenden roten Blättchen. Ein aufgeregtes Staunen erfüllt den Raum. 

Die Reaktion der Anwesenden erinnert an das erste Pfingstwunder, als der Heilige Geist im Wehen des Windes wie Feuerzungen auf die Apostel niederging und sie bestärkte, in die ganze Welt hinauszugehen zur Verkündigung des Evangeliums. Jedes Jahr pilgern Tausende zum Pantheon, um sich das Schauspiel der tanzenden Rosenblätter nicht entgehen zu lassen. 

Der Geist lässt sich nicht einfangen

So spektakulär es ist, es bleibt doch nur ein vorübergehender Moment. Was aus dem Himmel kommt, geht auf die Erde nieder. Das Erleben der Glückssekunden geht vorüber und lässt sich nicht konservieren. Aufgeklaubte und dann gepresste Rosenblätter können nur eine blasse Erinnerung daran sein, dass der Himmel offensteht und wir von oben beschenkt werden. Wir möchten am liebsten dem Wunderbaren Dauer verleihen, festhalten, was nicht festzuhalten ist. Der Geist lässt sich jedoch nicht einfangen. Er will in Bewegung setzen, nicht konserviert werden. 

Pfingsten ist nicht nur dann, wenn es in Rom rote Rosen ins Pantheon regnet. Hildegard Knef wünschte sich in ihrem Sprechgesang: „Für mich soll's rote Rosen regnen / Mir sollten ganz neue Wunder begegnen / Mich fern vom alten neu entfalten“. Pfingsten ist immer dann, wenn uns „ganz neue Wunder begegnen“ und wir uns „neu entfalten“: Wenn wir trotz grundsätzlicher Unterschiede nicht aufhören, um Verständnis zu ringen. Wenn wir erfinderisch Sprachlosigkeit überwinden und zu einer Haltung der Empathie finden. Wenn wir aus unseren Rückzugsorten, wo wir hinter verschlossenen Türen angstvoll kauern, aufbrechen in eine neue weite Freiheit. Wenn wir unseren Glauben nicht mehr nur als bloße Lehre oder Theorie ansehen, sondern existenziell erfahren. Wenn wir unsere Energien nicht mehr vergeuden, sondern zur Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Wenn wir ideologische und nationale Grenzen überwinden und zu Solidarität gelangen. Wenn wir trotz aller Krisen und Kriege die Geistesflamme der Hoffnung am Brennen halten.

Sollten wir Pfingsten „ausmustern“ und „verschrotten“, würden wir uns des dritten großen christlichen Festes und seiner Tragweite berauben. Geben wir lieber dem drängenden Beten etwa des Pfingstgesangs „Veni Sancte Spiritus“ Raum: „Komm herab, o Heil’ger Geist, der die finstre Nacht zerreißt, strahle Licht in diese Welt. Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein noch gesund. Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält. Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt.“ 

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