Auch kirchliche Einrichtungen betroffen

Pflegenotstand: Die Lage in Krankenhäusern und Altenheimen

Es gibt viele Beispiele: Ein Patient, der trotz akuter Lungenentzündung erst nach eineinhalb Tagen an die Infusionsschläuche mit den lebensnotwendigen Medikamenten angeschlossen wird, weil die einzige Krankenpflegerin und die junge Schwesternschülerin auf der überfüllten Station heillos überfordert sind. Eine verwirrte Seniorin, die stundenlang nur mit Unterwäsche bekleidet auf dem Gang des Klinikums liegt, ohne dass ihr vorbeieilende Pfleger oder Ärzte eine Decke überlegen.

Eine Patientin, die zehnmal nachfragen muss, worum sie eine bestimmte Tablette nehmen soll, bis sie herausbekommt, dass man ihr versehentlich ein Schilddrüsen-Präparat gereicht hat. Ein Patient, der nach der Entlassung aus dem Hospital über schmerzhaftes Brennen am Rücken klagt. Seine Frau entdeckt drei von den Pflegekräften vergessene Saugnäpfe. Eine Patientin, die mit erstickendem Hustenanfällen von Angehörigen in die Notaufnahme des Krankenhauses ins Erdgeschoss gefahren wird, weil oben auf der Station desselben Hospitals sich das Personal außerstande sieht, ärztliche Hilfe zu holen. Eine Krankenstation, auf der die Wasserflaschen ausgegangen sind, und niemand Zeit hat, neue zu ordern.

Zeit der Ordensschwestern ist vorbei

In deutschen Krankenhäusern regiert der Pflegenotstand. Auch in katholischen. Mit einer Ausnahme – der Frau in Unterwäsche auf dem Klinikflur – stammen alle Beispiele aus dem realen katholischen Krankenhausalltag. Längst gehören die Zeiten, in denen sich aufopferungsvolle Ordensschwestern ohne Blick auf die Uhr um die Patienten kümmerten, der Vergangenheit an.

In Krankenhäusern und Altenheimen fehlen nach einer aktuellen Umfrage der Gewerkschaft Verdi mehr als 140.000 Pflegekräfte. Danach müssten die derzeit 370 000 Pflegekräfte in Krankenhäusern um 80.000 Fachkräfte aufgestockt werden, um eine bedarfsgerechte Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

Man müsste schließen

„Die Krankenhäuser müssten viele Tage vor Monatsende schließen, wenn sie die Patientenversorgung durch eine angemessene Schichtbesetzung gewährleisten wollten“, heißt es bei Verdi.

In der stationären Altenpflege sind laut der Gewerkschaft zudem 63.000 Fachkräfte nötig, um die vorhandenen 450.000 Altenpflegerinnen und Altenpflegern dauerhaft zu entlasten. Leidtragende des Desasters sind Patienten, Pflegebedürftige und Pflegekräfte. Auf ihrem Rücken wird der Mangel ausgetragen.

Kein attraktiver Beruf

Patienten-, Wohlfahrts- und Sozialverbände machen seit Jahren auf den Notstand aufmerksam und fordern die Politik zum Handeln auf. Nur wer anständige Arbeitsbedingungen hat, könne Menschen so pflegen, dass ihre Würde gewahrt bleibt, mahnt etwa Eugen Brytsch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz.

Unterdurchschnittliche Löhne, eine hohe Arbeitsbelastung, unregelmäßige Dienstschichten und mangelnde Anerkennung machten den Pflegeberuf unattraktiv, verdeutlicht auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Kranken- und Altenpflege ist zudem eine Domäne von Frauen, die auch in anderen Berufsfeldern schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen. 2016 waren laut Statistischen Bundesamt nur 22 Prozent der neuen Auszubildenden in Pflegeberufen männlich.

Sofortprogramm von Minister Spahn

Falls Pflegekräfte, wie der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie fordert, eine akademische Ausbildung nach dem Vorbild Norwegens genießen könnten und wie „Ingenieure bezahlt werden“, würde sich das Geschlechter-Verhältnis vermutlich in wenigen Jahren ändern.

Die Forderung der Diakonie scheint vorerst reine Utopie. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hält nichts von dem „Akademisierungswahn“. Die Pflegeberufe müssten als Ausbildungsberufe erhalten bleiben. Auch Spahns „Sofortprogramm Pflege“, das er im Mai als Gesetzentwurf vorstellte, ist eher ein Konzept kleiner Schritte. Sozialverbände und Diakonie bezeichneten es sogar als „Witz“.

Danach sollen in Altenpflegeheimen 13.000 neue Stellten geschaffen werden. Krankenhäuser erhalten die Garantie, dass zusätzliche Pflegestellen sowie Lohnerhöhungen künftig vollständig refinanziert werden. Der große Durchbruch in der Krankenhaus- und Altenpflege sieht anders aus und wird wohl noch auf sich warten lassen.