Gastkommentar von Schwester Ulrike Soegtrop zur Feier der Liturgie

Plötzlich kann jeder Gottesdienste leiten?

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Ein paar Materialien werden geliefert und schon kann jede*r Getaufte Liturgie feiern. So zumindest scheint es Schwester Ulrike Soegtrop mit Blick auf die zahlreich angebotenen Liturgien zu Weihnachten im Corona-Jahr 2020. Hat Maria 2.0 also doch Recht, wenn sie das Weiheamt grundsätzlich in Frage stellen?

Plötzlich kann es jede*r! Weihnachtsgottesdienste zu Hause, auf der Straße, in der Garage – alles kein Problem. Ein paar Materialien werden geliefert und schon kann jede*r Getaufte Liturgie feiern. Dann hat Maria 2.0 wohl doch Recht, wenn sie das Weiheamt grundsätzlich in Frage stellen. Wozu auch? Jede*r kann doch Gottesdienst feiern.

Der Gedanke ist provokativ, aber nicht originell. Schon Benedikt von Nursia hat im 6. Jahrhundert ähnlich gedacht. Er fasst seine Lebenserfahrungen in der ‚Regula Benedikti‘ (RB) zusammen, gibt darin Kriterien für die Gestaltung liturgischer Feiern vor und formuliert einen Mindestanspruch. Darauf aufbauend darf im Blick auf die Zeichen der Zeit weiterentwickelt werden. Von der Eucharistie spricht er kaum und nur beiläufig. Sein Verhältnis zum priesterlichen Amt ist verhalten. Also: Nichts Neues unter der Sonne.

Liturgische Bildung ist angesagt

Die Autorin:
Ulrike Soegtrop OSB ist Schwester der Benediktinerinnenabtei St. Scholastika Burg Dinklage.

Benedikts Kriterienkatalog für die Gestaltung liturgischer Feiern gibt zu denken. Liturgie ist für ihn Lebensrhythmus. Alle sollen nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten in der Liturgie beteiligt werden. Innere und äußere Haltung, „Herz und Stimme“ sollen in Einklang sein und die Länge der liturgischen Feier sei maßvoll. Schlichte Kriterien, die auch heute bedenkenswert sind und vermittelt werden wollen. Liturgische Bildung ist angesagt; denn nicht jeder kann es plötzlich.

Jahrhunderte lang war liturgische Kompetenz und Autorität geweihten Männern vorbehalten. Alle anderen sind die „Laien“, die immerhin angesichts schwindender Priesterzahlen - ausgebildet und beauftragt - Wortgottesdienste leiten dürfen. Im Corona-Winter 2020 sind sie mit ihrem Latein am Ende und jetzt heißt es: Das kann doch jeder! So wiederum dachte Benedikt von Nursia vor 1500 Jahren zwar auch schon. Ja, jede und jeder kann gemäß geschenkter Gnadengaben Liturg*in werden; sich einüben und andere mitnehmen in das wunderbare Beziehungsspiel zwischen Gott und Mensch. Bei der Beauftragung des Tischlesers fügt Benedikt allerdings weise hinzu: nur, „wenn sie die Zuhörer erbauen“. (RB 38,12)

Und nun? Im Corona-Jahr 2020? Noch ist etwas Zeit, das liturgische Spiel mit verteilten Rollen sonntäglich einzuüben, um Weihnachten das ‚Hochamt im Miniformat‘ würdig zu feiern - an der Straßenecke, vorm Wegkreuz oder im heimischen Wohnzimmer. Und ‚nach Corona‘ ist dann liturgische Bildung angesagt – für jede und jeden.

Die Positionen der Gastkommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.

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