POLITIK

Empathie statt Egomanie!

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Angesichts zunehmender Selbstbezogenheit muss sich unsere Haltung ändern, sagt Karl Weber und beruft sich dabei auf die Philosophin Judith Shklar.

Die Nachrichten zur deutschen Syrien-Debatte erreichen mich in der ersten Novemberwoche auf einer Dialogreise mit Caritas international in Südostasien. Gerade kommen wir aus einem der größten Flüchtlingslager der Welt. 2017 vertrieben Soldaten der Militärjunta in Myanmar die Rohingya, eine muslimische Minderheit, systematisch aus ihrer Heimat. Tausende wurden getötet, vergewaltigt und misshandelt, ihre Dörfer zerstört. Die Überlebenden sitzen seit fast acht Jahren in einem Waldstück im Süden Bangladeschs in einem bewachten Camp fest – mehr als eine Million Menschen auf engstem Raum. Bangladesch gewährt ihnen weder Pass noch Reisefreiheit, eine Rückkehr nach Myanmar ist unmöglich.

Die Menschen im Lager, mit denen wir sprachen, erinnern daran, dass der Internationale Strafgerichtshof 2024 einen Haftbefehl gegen den Chef der Militär-Junta in Myanmar wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgestellt hat. Mit berechtigter Verbitterung beklagen sie ihre ausweglose Situation. Ohne Unterstützung der Caritas Bangladesch und anderer Hilfsorganisationen hätten sie kaum eine Überlebenschance.

Ob im Rohingya-Lager in Bangladesch, in Syrien, Sudan, Gaza. Jedes Konfliktgebiet ist anders, eines bleibt gleich: es trifft immer dieselben: die Frauen, die Kinder und Alten, die Schwachen.

Sicherheit vor Freiheit?

Der Autor
Karl Weber, Theologe und Historiker, ist Vorstand im Caritasverband für das Bistum Limburg.

Was tun? Weitere Appelle? Weitere Hilferufe? Unbedingt! Aber 1989 schrieb die US-amerikanische politische Philosophin Judith Shklar (1928-1992) unter dem Titel „Liberalismus der Furcht“ ein hierzulande immer noch viel zu wenig beachtetes Buch. Es bohrt tiefer. 

Geprägt von ihrer eigenen Erfahrung als jüdische Exilantin, die 1939 mit ihrer Familie aus dem lettischen Riga fliehen musste, ist für Shklar die reflektierte Wahrnehmung des körperlichen und psychischen Schmerzes ein notwendiger Ausgangspunkt politischen Handelns. Nicht die großen Ideale von Freiheit stünden am Anfang der Moderne, sondern die kollektive Verarbeitung der Gemetzel der Konfessionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts. Aus der Furcht, dass es jeden treffen kann, sei ein gemeinschaftlicher Durchsetzungswillen für ein Mindestmaß an Sicherheit erwachsen.

Man kann das für einen sehr minimalistischen, ja sogar pessimistischen Ansatz halten. Dabei wird übersehen, wie voraussetzungsreich diese Reduktion auf das Wesentliche ist: Denn ohne Empfindsamkeit für das Leiden anderer ist Sicherheit als Bedingung von Freiheit langfristig nicht zu haben. Die Gegner einer solchen Haltung sind mächtig. Elon Musk hält Empathie für ein Instrument der Schwächlinge und kultiviert Empfindungslosigkeit als Erfolgsrezept. Was dies anrichtet, kann man in Bangladesch besichtigen. Das Welternährungsprogramm der UN reduzierte – maßgeblich wegen ausbleibender Zahlungen aus den USA – die monatliche Lebensmittelhilfe für Rohingya-Flüchtlinge ab April 2025 massiv.

Umso mehr braucht es Menschen, gerade auch Christinnen und Christen, die dem eine „rationale Empathie“ (Gustav Seibt) im Sinne von Shklar entgegensetzen und diese in unserer Gesellschaft als politische Grundhaltung verteidigen. Damit wird die Welt nicht zwar gerettet, aber der derzeit um sich greifenden weltweiten Egomanie langfristig der Boden entzogen.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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