Geheimnisvolles Licht durch wertvolle mittelalterliche Glasfenster

Prachtvolle Kirchenfenster sind „Glücksfall“ für Xantener Dom

Hell strahlt das Sonnenlicht durch die farbigen Glasfenster des gotischen St.-Viktor-Doms und entfaltet ein herrliches Farbenspiel, das sich an den großen Säulen widerspiegelt. Die Glasfenster, und vor allem die Glasmalerei, sind ein bedeutender Schatz im Dom. Vor allem die Fenster aus dem Mittelalter bilden einen glanzvollen Schwerpunkt. Immer wieder werden die Fenster von Fachleuten begutachtet und durch die Restauratorin der Bauhütte, Franziska Koch, restauriert.

Johannes Schubert, Chef der Dombauhütte, steigt auf das Gerüst und inspiziert die Medaillonfenster hinter dem Hochaltar. Auf rubinrotem Grund wird die Geburt Christi und in einem zweiten Medaillon die Verehrung der Heiligen Drei Könige dargestellt. „Diese Fenster stammen aus dem 13. Jahrhundert“, erläutert Johannes Schubert. „Sie gehören zu den ältesten Glasfenstern“, sagt er und zeigt mit der Hand auf die gemalten Motive wie die Gottesmutter, die den Kopf von Jesus mit ihrer Hand ergreift. „Die Qualität des Glases war damals noch nicht so gut. Allerdings ist die künstlerische Qualität deutlich höher als bei späteren Fenstern, weil die Gestaltung viel kleinteiliger ist.“

Import aus dem Orient

Neben den erwähnten Medaillonfenstern gehören das Kreuzigungsfenster, das Mutter-Gottes-Fenster, das Salvatorfenster – die beiden letzteren sind in der Sakristei zu sehen – und zwei so genannte Passionsfenster, die sich über der Märtyrerpforte befinden, zu den Kostbarkeiten im Dom. „Die Glasmalerei kommt ursprünglich aus dem Orient“, erklärt Schubert. „Neue Handwerkstechniken wie beispielsweise auch das Einfärben von Glas sind durch die Kreuzzüge nach Europa gekommen.“

Das Mutter-Gottes-Fenster ist um 1533 entstanden und zeigt die Maria zwischen den Heiligen Viktor und Helena. | Foto: Dombauhütte.
Das Mutter-Gottes-Fenster ist um 1533 entstanden und zeigt die Maria zwischen den Heiligen Viktor und Helena. | Foto: Dombauhütte.

Um die Bedeutung dieser alten und wertvollen Kirchenfenster hervorzuheben, veranstaltete das Xantener Stiftsmuseum ein „Glaskolloquium“. Historiker, Theologen, Restauratoren und Kunstsachverständige nahmen die prachtvollen Zeugnisse der mittelalterlichen Kunst in Augenschein.

Mittelalterliche Räume wie der Xantener Dom sind für den Theologen Albert Gerhards als geheimnisvolle Lichträume konzipiert. Die Raumwirkung hänge stark von der Brechung des Lichts in den farbigen Gläsern ab. Dementsprechend stelle die Ersetzung der Buntverglasung durch Weißglas im Barock in vielen mittelalterlichen Kirchen, wie beispielsweise dem Chor des Aachener Münsters, einen gravierenden Einschnitt dar, erläuterte Gerhards während eines Symposions. 

Kostbare Codices

Kostbare illuminierte Codices mit den typologischen Darstellungen waren seiner Meinung nach nicht als „Biblia Pauperum“ gedacht, sondern als „biblisches Erbauungsbuch für Wohlhabende, das ihnen die Einheit der Heilsgeschichte vor Augen führen, sie von der Übereinstimmung beider Testamente überzeugen und tiefer in das Mysterium Christi eindringen lassen sollte“.

Die zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert geschaffenen Bücher haben ein Äquivalent in den Bibelfenstern gotischer Chorhallen. Ein in Köln entwickelter Typus. Die Fenster diente in erster Linie zur Erbauung armer Kleriker, die sich zur Feier der Liturgie, insbesondere der Eucharistiefeier, begaben. Sie auf die in diesem Geschehen repräsentierte Heilsgeschichte visuell einzustimmen, war nach Gerhards das Sinnen und Trachten der Fenster.

Auf hohem Niveau

Das kommt in der Schrift „De divinis officiis“, (erschienen etwa 1110) von Rupert von Deutz klar zum Ausdruck. „Wenn nun der Priester zum heiligen Altar einzieht, sollen der Priester selbst wie auch die ganze anwesenden Gemeinde ihr Herz weiten und im reichen Schoß des Glaubens das Gedächtnis der Menschwerdung, der Geburt, des Leidens, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu Christi, unseres Herrn, feiern“, schrieb Rupert von Deutz.

Das gilt ähnlich auch für den Xantener Dom. Der unglaubliche Kosmos an Glasmalerei vom späten 13. bis zum späten 20. Jahrhundert soll auf seine Weise die Gegenwart der Heilsgeschichte repräsentieren, von der Schöpfung über die Lebens- und Sterbensgeschichte Jesu bis zum Jüngsten Tag.

Tiefen Einblick in den Glauben

Dieses Fenster wurde dem Wappen zufolge von Goedert van Bemmel und seiner Frau Lysbeth von Kleve um 1520 gestiftet. | Foto: Dombauhütte
Dieses Fenster wurde dem Wappen zufolge von Goedert van Bemmel und seiner Frau Lysbeth von Kleve um 1520 gestiftet. | Foto: Dombauhütte

In Xanten begegneten sich beim Blick durch die Fenster also Himmel und Erde. Sie vermitteln durch ihre künstlerische Gestaltung dem Kleriker und den Laien einen tiefen Einblick in das Geheimnis des Glaubens. Diese Fenster sind wegen ihrer Ausdruckskraft und des hohen technischen Niveaus eine Rarität.

„Die umfangreich erhaltenen, mittelalterlichen Glasmalereien im Xantener Dom sind ein wahrer Schatz und Glücksfall, weil sie rechtzeitig ausgebaut und damit vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges bewahrt geblieben sind“, schätzt die Landeskonservatorin Andrea Pufke die Fenster ein. „Sie zählen damit zu den bedeutenden und qualitätsvollen Beständen mittelalterlicher Glasmalerei in Deutschland.

Stiftungen der Reichen

Die Xantener Fenster sind aber auch besonders deswegen bedeutend, weil sich an ihnen analog zum Fortschreiten der Bauarbeiten am mittelalterlichen Dom die Entwicklung der Glasmalerei vom späten 13. bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts nachvollziehen lässt.“

Schon im Mittelalter war die Herstellung der prachtvollen Fenster eine kostspielige Angelegenheit, die mitunter die finanziellen Möglichkeiten des Stifts und der Stiftsherren überstieg. An dieser Stelle übernahmen Stifter, meist Adelige oder reiche Bürger, die Aufgabe, den Einbau von Fenstern zu ermöglichen.

Regelrechte Tauschgeschäfte

„Das geschah durchaus im Rahmen eines regelrechten Tauschgeschäftes“, sagte Mareike Roder. Die 32-jährige Lehrerin schreibt zurzeit an einer Promotion über die Testamente der Kanoniker des Spätmittelalters und der Neuzeit.

Oft hatten Stifter vor ihrem Tod ganz konkrete Stiftungen veranlasst, um einen Ablass ihrer Strafen im Fegefeuer zu erwirken. Beispielhaft ist das „Van-Bemmel-Fenster“, gestiftet von der Patrizierfamilien van Bemmel. Der Stifter konnte maßgeblich dazu beitragen, dass der Kirchbau abgeschlossen werden konnte. Bildete der Einbau der Fenster doch den Abschluss.

Stifter gehörten zur führenden Schicht

Die Darstellung der Stifter in den Fenstern erlaubt auch Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Stellung. Der Patrizier Goedert van Bemmel gehörte mit seiner Frau Lysbeth sicher zur gesellschaftlich führenden Schicht der Stadt. Das kommt in der Darstellung des Wappens und der Stifter klar zum Ausdruck.

Auch die Auswahl der dargestellten Heiligen, der heilige Viktor und die heilige Helena, zeugen von entsprechendem Selbstbewusstsein. Goedert van Bemmel zeigte auf diese Weise die Heiligen als seine Fürsprecher und stellte seine enge Verbindung mit ihnen heraus. Für jedermann sichtbar wurde so die Bedeutung der Familie betont.