Werkstatt auf dem Katholikentag

Praxistipps: Wenn es knatscht im Gemeinde-Alltag

Eine Szene, wie sie so oder so ähnlich zigmal vorkommt. Zeit: Donnerstag Mittag, kurz vor zwölf. Ort: das Pfarrbüro der St.-Margaretha-Gemeinde, irgendwo in Deutschland. Frau Schröder, die Pfarrsekretärin, freut sich schon auf einen Ausflug mit ihrem Enkel. Gleich hat sie Feierabend, der Pfarrbrief ist gerade fertig und soll abends in Druck gehen.

Da klingelt es an der Tür. Herr Schulte will die Meldung von der Vorstandssitzung der Kolpingfamilie am Mittwochabend unbedingt noch in den Pfarrbrief haben. Eigentlich war am Dienstag Abgabeschluss. Herr Schulte denkt sich vielleicht: „Das kann die wohl noch eben machen.“  Die Sekretärin ist genervt. „Immer diese Nachzügler.“

Es geht um Wertschätzung

Tanja Bunzel und Dorothea Steinebach hatten ein sehr handfestes Beispiel aus dem Gemeindealltag  gewählt, um den fast 50 Teilnehmern in einem überfüllten Klassenraum der Gesamtschule Mitte vorzuführen, wie man diesem und auch anderen Konflikten in einer Pfarrei konstruktiv begegnen kann. „Wertschätzende Kommunikation im Gemeindealltag“ lautete der Titel der Veranstaltung. Und genau darum geht es ihnen.


Für die Veranstaltung hatten sich die Leiterinnen eine typische Szene aus dem Pfarrhausalltag ausgedacht.| Foto: Michael Rottmann

Wie kommen Herr Schulte und Frau Schröder also raus aus ihrem Dilemma? Die Grundbotschaft der beiden Expertinnen für gewaltfreie Kommunikation: Indem Sie sich Schritt für Schritt an einem Modell entlangarbeiten, dessen Grundzüge der Amerikaner Marshall B. Rosenberg entwickelt hat.

Nicht lamentieren, sondern Lösungen suchen

Das Modell beginne damit, zunächst einmal Beobachtung von Bewertung zu trennen. Also nicht etwa über Nachzügler zu lamentieren, die immer kurz vor Toresschluss noch etwas bearbeitet haben wollen. Sondern: das Anliegen des Gegenübers auf seinen Tatsachenkern zu bringen. Weiterhin müssten die Gesprächspartner Gefühle und Bedürfnisse ernstnehmen und akzeptieren.

Der eine die Überlastung und den Stress der anderen, die mit ihrem Bedürfnis nach Erholung und Entspannung ernstgenommen werden möcht. Die andere die Not des ehrenamtlichen Verbandsvertreters, dem die Mitteilung aus dem Vorstand wichtig ist.

Jeder muss seine Grundhaltung ändern

Wenn jeder dazu bereit sei, stelle sich gleich eine deutlich konstruktivere Grundstimmung ein, die einen gemeinsamen Weg aus dem Dilemma möglich machen könne. Dafür müsse man aber seine Grundhaltung ändern.

„Ich muss mich entscheiden, ob ich recht haben oder glücklich sein will!“, so Dorothea Steinebach. Aber nicht unbedingt beide gleichzeitig. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es manchmal ausreicht, wenn nur ich meine Einstellung ändere und das deutlich zeige“, sagt Tanja Bunzel. „Weil mein Gegenüber das dann an diesem Beispiel übernimmt.“

Je früher, desto besser

Wichtig sei, mit diesem Prozess früh anzufangen. Also schon dann, wenn sich erste  Konflikte abzeichnen. „Je später man beginnt und je mehr sich ein Konflikt erst einmal festgefressen hat, desto schwieriger ist es, da wieder herauszukommen.“


Interessiert beteiligten sich die Teilnehmer an der Diskussion. | Foto: Michael Rottmann

Und das Dilemma von Frau Schröder und Herrn Schulte? Lasse sich im Gespräch über eigene Wünsche und Bedürfnisse am besten lösen, so Tanja Bunzel und  Dorothea Steinebach.

„Es gibt nie nur einen einzigen Weg“

Zum Beispiel, indem beide gemeinsam nach Alternativen suchen, die auch den Teilnehmern des Seminars einfallen: Man könne die Informationen der Kolpingfamilie auch am Ende der Gottesdienste bekanntmachen, auf der Homepage der Gemeinde veröffentlichen oder die Tagespresse nutzen:

„Wir sehen an dem Beispiel, dass es immer Alternativen gibt“, sagt Dorothea Steinebach. „Und die Öffnung auf Alternativen ist der Kick des Ganzen. Es kann nicht nur einen einzigen Weg geben.“