Anna-Maria Balbach forscht über konfessionelle Sprache

Predigen Katholiken im Radio anders als Protestanten?

Predigen katholische Theo­logen und Theologinnen im Hörfunk anders als evangelische? Hat die Konfession 500 Jahre nach der Reformation Einfluss auf den Sprachschatz von Radio-Verkündern? Steckt hinter den unterschiedlichen Worten gar ein ungleiches Gottesbild? Solche Fragen könnte die Sprachwissenschaftlerin Anna-Maria Balbach von der Uni Münster schon bald beantworten.

Dass es mehr als einen Unterschied zwischen den katholischen und evangelischen Predigten gibt, hat die 38-jährige Philologin und katholische Theologin bereits in einer Vorstudie gezeigt. Dazu hat sie 112 Studierende des Germanistischen Instituts Radiopredigten des Senders 1Live in Textform vorgelegt. Die Befragten sollten raten, welcher Beitrag von einem Katholiken oder von einem Protes­tanten stammte. In mehr als 70 Prozent der Fälle tippten die Studenten richtig. Wort- und Themenwahl verrieten die Verkünder.

Fromm oder bibelfest

Dabei fanden sie, dass die evangelischen Theologen eher jugend- und alltagssprachliche Elemente gebrauchten und eher locker herüberkamen, während die katholischen Beiträge einen stärkeren Kirchenbezug hatten, sich an Festen des Kirchenjahres orientierten und insgesamt ernster und unnahbarer wirkten.

Anna-Maria Balbach.
Die Sprachwissenschaftlerin Anna-Maria Balbach im Lesesaal des Germanistischen Instituts der Universität Münster. | Foto: Karin Weglage

Mit dem Zusammenhang von Sprache und Konfession hat sich Balbach bereits in ihrer Doktorarbeit befasst. Damals untersuchte sie Grabinschriften aus der frühen Neuzeit zwischen 1500 und 1800. Ihre Recherchen führten sie auch nach Bayerisch-Schwaben – nach Augsburg, Dillingen und Donauwörth. Die Sprachwissenschaftlerin fand heraus, dass katholische Grabsteine eher traditionell beschriftet waren, etwa mit Sätzen wie „Gott sei unserer Seele barmherzig“ oder „Betet für uns“.

Unterschiedliche Grabinschriften

Dagegen nutzten die Protes­tanten vielfach von Martin Luther ausgewählte Bibelzitate, wie „Ich bin die Auferstehung und das Leben ...“ (Joh 11,25f.) oder „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet  ...“ (Ijob 19,25ff.).  Nun plant Balbach ein großes Forschungsprojekt. Sie und ihr Team von wissenschaftlichen Hilfskräften wollen Radio-Predigten von 2017 bis 2019 auswerten.

Die Beiträge sind auf 1Live (Hörerschaft zwischen 16 und 32 Jahren) und WDR 4 (Generation 50 plus) gelaufen. In dem nord­rhein-westfälischen Sendegebiet des WDR leben eher Katholiken. Zudem sollen Predigten des Hessischen Rundfunks (eher protestantische Hörerschaft) und des Mitteldeutschen Rundfunks (eher konfessionslose Hörer) analysiert werden.

Forschung in Halbzeit

In sechs Jahren – also 2025 – soll das Projekt abgeschlossen sein, denn die Mutter von drei Kindern – das Jüngste ist ein Jahr alt – forscht in Halbzeit. „So habe ich es auch bei meiner Doktorarbeit gemacht“, sagt die gebürtige Bottroperin, die in Ahaus aufgewachsen ist und jetzt mit ihrer Familie in Müns­ter lebt. Für ihr großes Projekt hat die Deutsche Forschungsgesellschaft 315 000 Euro bereitgestellt.

Balbach konnte ihre Förderer mit weiteren Vorstudien überzeugen. So hat sie im Vorfeld Kollokations-Studien betrieben. Dabei werden Wörter darauf untersucht, in welchem Umfeld sie stehen. Zum Beispiel Gott: „In katholischen Sendungen wurde das Wort oft in Zusammenhang mit Nomen gebraucht: Gottesdienst mit Sonntagabend, Gottes Segen mit Hochzeit, Gottes Geist mit dem Adjektiv spürbar.“

Kirchlich oder weltlich

Die evangelischen Verkünder setzten Gott dagegen häufig in Beziehung zu einem Verb: Gott denkt, Gott kommt, von Gott erzählen. „Verben personifizieren Gott, vermenschlichen ihn, sind aus dem Alltag gegriffen“, sagt Balbach. Katholiken setzten Gott eher in Zusammenhänge zum Glauben, zur Kirche und zur Transzendenz.

In einer weiteren Vorstudie nahm Balbach eine Frequenz-Analyse vor. Sie untersuchte 100 Predigten aus drei Monaten auf die am häufigsten benutzten Begriffe und stellte Erstaunliches fest: In katholischen Sendungen kamen am häufigsten die Wörter Menschen, Zeit, Kirche, Mann, Gott, Weihnachten, Freundin, Geld, Kaffee und Jesus vor. „Sechs davon haben eine religiöse Bedeutung“, erklärt sie. Die evangelischen Beiträge enthielten dagegen am häufigsten die Wörter: Menschen, Gott, Jahr, Zeit, Mann, Paar, Leben, Tag, Freundin und Frau. „Da gibt es nur ein religiöses Wort, nämlich Gott“, sagt sie.

Authentisch oder professionell

Eine Schlüssel-Wörter-Analyse bestätigte, was die Häufigkeits-Analyse bereits vermuten ließ: Fünf von zehn Schlüsselwörtern in den katholischen Beiträgen hatten einen religiösen Bezug, bei den evangelischen Beiträgen aber keines.

Balbach fand zudem heraus, dass die Sendebeiträge der Katholiken von den Theologen selbst gesprochen wurden. „Sprecher und Schreiber waren identisch.“ Das Autorenteam der Protestanten griff dagegen auf professionelle Sprecher zu.

Was sind die Konsequenzen?

Ob ihre Studien am Ende Einfluss auf die Verkündigungs-Sendungen im Radio haben werden, weiß Balbach nicht. „Ich beobachte nur und beschreibe, was ich sehe“, sagt die Wissenschaflerin. „Konsequenzen zu ziehen, ist die Aufgabe von anderen.“