Lange Tradition gemeinsamer Fronleichnamsfeier wird aufgegeben

Prozession spaltet die drei Gemeinden in Oldenburg

Der 20. Juni ist noch fern. Der Tag sorgt in Oldenburg aber jetzt schon für heftige Diskussionen unter den drei Pfarrgemeinden in der Stadt. Denn sie sind sich auf einmal nicht mehr einig, wie sie  das Fest Fronleichnam begehen sollen.

Über Jahrzehnte haben die Gemeinden der Stadt, bis 2008 zeitweise noch zehn, das Fest mit einer gemeinsamen Prozession begangen. Zunächst durch einen Stadtpark, dann durch die Innenstadt.

St. Marien will nicht mehr mitmachen

Damit ist es jetzt vorbei: Die Gemeinde St. Marien will dieses Jahr bei der Prozession nicht mehr mitgehen. Der Pfarreirat hat beschlossen, er wolle „die Mitarbeit am stadtweiten Fronleichnamsfest für eine Weile aussetzen“. So wurde es in den Pfarrmitteilungen veröffentlicht.

Doris Tranel, Vorsitzende im Pfarreirat St. Marien, verteidigt im Gespräch diese Entscheidung. „Wir lösen uns nicht grundsätzlich von gemeinsamen Aktionen. Aber diese Prozession aller drei Gemeinden ist nicht mehr zukunftsweisend und nicht mehr zeitgemäß“, sagt sie.

Wenige kommen und für Ältere ist es zu weit

Pastoralreferent Heinz-Peter Hahn, berichtet, die Prozession sei in St. Marien schon lange Gesprächsthema; auch bei bei den regelmäßigen Treffen der drei Pfarreirats-Vorstände habe man darüber gesprochen. Dort habe St. Marien immer wieder auf „eine Neubesinnung“ gedrängt. Der Grund: „Von Jahr zu Jahr nehmen weniger Leute teil.“
Hahn rechnet vor: Beim Gottesdienst zu Beginn sei die Peterkirche „nur so eben“ gefüllt. Der parallele Kindergottesdienst werde „kaum noch“ nachgefragt, statt früher 70 habe er im Vorjahr nur noch 15 Kinder gezählt. Zudem fühlten viele ältere Menschen sich vom zwei Kilometer langen Prozessionsweg überfordert.

Der Pfarreirat der Gemeinde St. Willehad hat diesen Befund zurückgewiesen. Der Vorsitzende Peter Sehrbrock spricht von einer mit etwa 350 Besuchern „gut gefüllten“ Kirche und von mehr als 200 Mahlzeiten, die beim abschließenden Mittagessen in der katholischen Paulusschule ausgegeben würden. „Da hat sich über die Jahre kaum etwas geändert.“

Für Rückgang gibt es keine konkreten Zahlen

Konkrete Zahlen für einen Rückgang gebe es nicht, weil niemand „verlässlich“ gezählt habe. Er nennt den Rückzug der Gemeinde St. Marien „wenig erfreulich“. In dieser Form sei die Prozession „die einzige regelmäßige gemeinsame Veranstaltung der Gemeinden“.
Deshalb auch legt Pastoralreferent Hahn auf eines besonders Wert: „Wir geben die Zusammenarbeit nicht einfach auf. Aber wir haben eine Entwicklung, die so nicht weitergehen kann.“

Das Seelsorgeteam in St. Marien wolle vielmehr eine „inhaltliche Rückgewinnung“ des Festes beginnen, „vor Ort in den einzelnen Gemeinden“. Zu denken sei an Predigtreihen oder besondere Akzente in der Vorbereitung auf die Erstkommunion. Einzelheiten seien noch nicht beschlossen.

Neuanfang sollte gemeinsam geschehen

Wichtig ist Hahn bei diesem Beschluss: Man wolle „nicht gegen“ die anderen Gemeinden handeln, sondern in der eigenen Gemeinde „etwas Neues ausprobieren“. Eben das sieht Peter Sehrbrock für den Pfarreirat St. Willehad kritisch. Gegen einen inhaltlichen Neuansatz sei nichts zu sagen. „Aber der sollte gemeinsam, mit vereinten Kräften geschehen.“ Sonst werde das Aussetzen der Feier „zu einem Auseinanderdriften der drei Gemeinden und damit zu einem unwiederbringlichen Verlust dieser Oldenburger Tradition führen“.

Dechant Christoph Sibbel, Pfarrer in der Gemeinde St. Josef, hat „mit großer Verwunderung“ und „sehr erstaunt“ auf den Beschluss des Pfarreirates St. Marien reagiert. „Wir haben die Lage nie so ernst gesehen.“ Der Pfarreirat St. Josef habe deshalb beschlossen, an der gemeinsamen Prozession festzuhalten.

Dechant sieht keinen dramatischen Rückgang

Für Sibbel gibt es auch „keine dramatischen Einbrüche“ bei der Teilnehmerzahl. Er hält diese gemeinsame Tradition wegen des Zusammenhalts der Gemeinden weiter für wichtig. Außerdem hätten die wechselnden Vorbereitungsgruppen die Prozession zu immer anderen Orten geführt. Bei den Altären vor dem Hospiz, vor einem Krankenhaus, einer Schule oder einem Altenheim seien immer neue Orte kirchlichen Lebens im Blick gewesen.

Dechant Sibbel kennt das Argument in der Gemeinde St. Marien, man müsse die eucharistische Frömmigkeit neu vermitteln, um das Fest zu beleben. Er ist zurückhaltend: „Was wollen wir denn bei diesem hohen Fest neu verdeutlichen? Die Grundsatzfrage lautet für mich eher: Gehen wir mit dem Allerheiligsten gemeinsam hinaus in die Öffentlichkeit oder nicht?“ Für ihn ist klar: „Wir gehen weiter.“