»Digitale Hysterie« - Interview mit Buchautor Georg Milzner

Psychotherapeut: Computer machen nicht dumm

Kinder spielen am Tablet-Computer.
Kinder spielen am Tablet-Computer.Foto: Helene Souza, pixelio.de

In seinem Buch »Digitale Hysterie« plädiert der Psychotherapeut Georg Milzner dafür, den Computer nicht zu verteufeln, sondern als normalen Alltagshelfer wahrzunehmen.

Kirche+Leben: Sie finden, die meisten Eltern, Erzieher und Lehrer gehen zu hysterisch mit dem Thema Computer um. Wieso?

Georg Milzner: Wir erleben aktuell einen Kulturwandel von großem Ausmaß. Da ist es normal und auch angemessen, dass er von Sorgen begleitet wird. Diese Sorgen werden im Allgemeinen von Hoffnungen aufgewogen, dass auch etwas besser wird. Das scheint im Moment anders zu sein. Die Angst dominiert, dass Kinder und Jugendliche durch die Digitalisierung in erster Linie draufzahlen werden, indem sie dümmer, gewalttätiger und womöglich süchtig werden. Besonders ausgeprägt ist sie, wie Statistiken zeigen, bei denen, die am wenigsten von der Computerwelt verstehen. Überdies wird die nachvollziehbare Angst von einigen Fachleuten befeuert, die behaupten, man könne naturwissenschaftlich nachweisen, dass unsere Jugendlichen durch die Digitalisierung mental verwahrlosen. Das hierdurch ausgelöste Klima bezeichne ich als »Digitale Hysterie«.

Besorgte Eltern fürchten Mobbing auf Facebook oder dass Computerspiele ihre Kinder verblöden lassen. Was sagen Sie ihnen?

Das sind nun gleich zwei ganz große Themenbereiche, die überdies nichts miteinander zu tun haben – außer, dass sie beide mit der Digitalisierung zusammenhängen. Das ist übrigens oft so, dass ganz weit auseinanderliegende Themen miteinander in einen Topf geworfen werden, bloß weil sie alle am Computer hängen. Aus diesem Grund habe ich jedem dieser Themen in meinem Buch auch ein eigenes Kapitel gewidmet. Und ich beschränke mich daher hier lieber auf etwas Grundsätzliches. Allen Eltern sage ich: Die Digitalisierung wird nicht weggehen. Sie geht vielmehr weiter. Verbote allein helfen da nicht. Versuchen Sie lieber, Anteil zu nehmen und präsent zu sein. Ein Kind, an dessen Welt Eltern Anteil nehmen, hat schon einmal sehr viel geringere Aussichten, sozial zu verwahrlosen und mental zu »verblöden«.

Bei Ihnen ist Bildschirm nicht gleich Bildschirm. Wo sind Unterschiede?

Psychotherapeut Georg Milzner. | Foto: privat
Psychotherapeut Georg Milzner. | Foto: privat

Die Bildschirm-Aktivitäten sind sehr unterschiedlich. Wer gamed, der macht ja etwas, während man beim Fernsehen nur aufnimmt. Beim Chatten interagiert man, bei einem Point-and-Click-Spiel muss man Aufgaben lösen, um dem Spielfortgang zu folgen. Bei Youtube sitzt man passiv davor, während man bei einem Wettkampf an einer Wii im Grunde Sport treibt.

In einem Restaurant sah ich ein höchstens zweijähriges Kind mit dem Smartphone der Eltern. Macht das Sinn?

Wenig. Einerseits möchten Kinder natürlich immer das haben, was auch die Eltern haben. Aber die Bedürfnisse eines Zweijährigen sind noch von ganz anderer Art – viel mehr am Betasten, am Erkunden und an der Bezogenheit orientiert. Ich lasse einen Zweijährigen ja auch nicht mit meinem Rasierer spielen.

Warum sollten Kinder Computer- und Medienkompetenzen entwickeln?

Computer- und Medienkompetenz entwickeln sie sowieso, meist schneller als ihre Eltern. Viel wichtiger ist, dass sie Selbstkompetenz entwickeln.

Sie finden, auch Erwachsene sollten den Umgang mit Computern und Bildschirmen hinterfragen. Inwiefern?

Weil sie die Modelle bieten, an denen Kinder sich orientieren. Es geht in die Irre, nur besorgt auf gamende Kinder zu starren und zugleich die eigene Mediennutzung unhinterfragt zu lassen. Mütter oder Väter, die neben ihrem Kind sitzen und nur mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, schaden ihrem Kind vermutlich mehr als das eine oder andere Game.

Wie sähe der ideale Umgang mit dem Computer aus?

Eine schöne Frage – und sie wird uns Stoff für die nächsten Jahre liefern. Vermutlich haben wir alle die Vision, dass wir den Computer benutzen, anstatt dass er uns benutzt. Andersherum können wir gar nicht anders, als uns der Welt, die um uns erzeugt wird, auch anzupassen. Doch bisher haben wir noch nicht einmal im Ansatz gesellschaftlich diskutiert, wie viel Computer wo und zu welchem Zweck wir denn eigentlich möchten. Und was wir uns von der Digitalisierung für unsere Zukunft erhoffen.