Interview mit Bildungs-Staatssekretär

Rachel: Wir wollen muslimische Religionslehrer ausbilden

Das Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster wird in den kommenden fünf Jahren vom Bund mit 2,9 Millionen Euro gefördert. Warum das Fach Islamische Theologie wichtig ist, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Thomas Rachel (CDU) im Interview.

Kirche+Leben: Herr Rachel, warum unterstützt das Bildungsministerium die Zentren für islamische Theologie?

Thomas Rachel: In Deutschland leben rund vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens. Sie haben die gleichen Fragen nach Sinn und Orientierung wie Menschen anderer Religionszugehörigkeit. Und weil unsere Verfassung die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses garantiert, waren wir der Auffassung, dass wir auch ein entsprechendes Angebot in der islamischen Theologie ermöglichen sollten. Religion generell braucht Klärung und Aufklärung. Dabei kann wissenschaftliche Reflexion eine hilfreiche Rolle spielen, denn sie fördert die Differenzierung. Deutschland hat wahrscheinlich die weltweit längste Erfahrung mit Theologien an den Universitäten, auch mit dem interdisziplinären und interkonfessionellen Austausch. Dieses Know-how können wir in den Prozess sehr gut mit einbringen.

Welche Rolle spielt bei der Förderung die Frage der Sicherheit und die Angst vor Radikalisierung von Muslimen?

Keine besondere. Wir sind von einem anderen Grundgedanken ausgegangen: Es wäre gut, wenn der Staat dazu beiträgt, dass Muslime heute eine akademische Heimat an den deutschen Hochschulen haben. Das ist ein großer historischer Schritt, denn bis dahin hatte 500 Jahre lang keine neue Theologie an den deutschen Universitäten Einzug gehalten. Das letzte Mal war das nach dem Thesenanschlag von Martin Luther 1517 mit der Entwicklung des Protestantismus und der evangelischen Theologie, die ja dann sehr schnell auch Eingang in die Universitäten gefunden hat. Jetzt ist die islamische Theologie an den deutschen Hochschulen angekommen.

Möchte die Bundesregierung erreichen, dass in Deutschland lieber hierzulande ausgebildete Imame arbeiten als solche aus der Türkei?

Im Zentrum der islamischen Theologie an den Universitäten stehen zunächst andere Dinge: Wir wollen international anerkannte Zentren islamisch-theologischer Forschung etablieren. Wir möchten, dass islamische Religionslehrerinnen und Religionslehrer ausgebildet werden und dass dies in einem wissenschaftlich fundierten Umfeld passieren kann. Die Frage der Imam-Ausbildung wird dagegen in der öffentlichen Debatte überbewertet.

Warum?

Thomas Rachel | Foto: BMBF
Thomas Rachel | Foto: BMBF

Man muss sich vor Augen führen, dass in den islamischen Gemeinden theoretisch jeder männliche Muslim, der die notwendigen Qualifikationen vorweist – etwa rituelle Waschungen und Gebete, die Lesung des Koran – zum Vorbeter erwählt werden kann. Eine akademische Ausbildung ist nicht Voraussetzung, um Imam in einer Moscheegemeinde zu werden. Es müssen keine hauptamtlichen Imame sein, es geht auch nebenberuflich, und letztlich werden sie doch eher bescheiden bezahlt. Das bietet sich als Akademiker mit universitärem Abschluss nicht als erste Berufsaufgabe an. Was es schon gibt, sind Angebote zur Weiterbildung der bereits in Deutschland tätigen Imame. Das ist sicherlich auch richtig und notwendig.

Welche Vorteile bietet die Ausbildung zum islamischen Religionslehrer?

Die Bundesländer, die dafür zuständig sind, setzen darauf, dass die künftigen Religionslehrerinnen und –lehrer qualifiziert ausgebildet werden, sodass sie dann – theologisch fundiert und in deutscher Sprache und mit der deutschen Kultur vertraut – an den Schulen unterrichten können. Nach meinen Gesprächen, die ich in Münster und andernorts geführt habe, kommen wohl auch andere Aufgaben zunehmend in den Blickpunkt: Wer diese breit fundierte Ausbildung genossen hat, wird stärker sein Berufsfeld in seelsorgerischen – oder wie wir sagen würden diakonischen – Aufgaben finden. Das differenziert sich aus.

Haben die muslimischen Verbände diese Ausbildung inzwischen anerkannt?

Mittlerweile erkennen auch die muslimischen Verbände den Wert einer solchen akademischen Ausbildung und der Verortung der islamischen Theologie an den Universitäten ausdrücklich an. Es hat ja mal Personalstreitigkeiten gegeben. (Anmerkung der Redaktion: Die großen islamischen Verbände konnten sich nicht über die Besetzung eines vorgeschriebenen Beirats für das Zentrum für Islamische Theologie in Münster und die Lehrerlaubnis für Prof. Milad Karimi einigen.) Diese Streitigkeiten sind in der Zwischenzeit alle ausgeräumt. Man muss sich ja auch vor Augen führen, wie umfassend dieser Veränderungsprozess ist. Dass das am Anfang nicht ganz einfach ist, ist verständlich. Man konnte ja auch nicht auf einem vorhandenen wissenschaftlichen Nachwuchs aus Deutschland aufbauen, den man dann in die Professuren hätte hineinführen können. Vielmehr konnten wir aus unterschiedlichen Ländern – übrigens nicht vorrangig der Türkei – islamische Theologen für ihre Aufgabe in Deutschland gewinnen. Das hat einen Kennenlern-Prozess nach sich gezogen, der sich positiv entwickelt.

Ist der Islamunterricht in Deutschland von seiner Qualität her so anerkannt wie das Fach katholische oder evangelische Religion?

Da sind wir erst am Anfang. Es gibt ja eine unterschiedliche Situation in den einzelnen Bundesländern, der islamische Religionsunterricht wird ja noch nicht flächendeckend erteilt. Es müssen erst die Menschen gefunden werden, die diese Aufgabe qualifiziert wahrnehmen können. Aber das wächst an. Und es ist auch eine Chance, dass in deutscher Sprache, orientiert am Grundgesetz – mit klarer Achtung der Grundrechte inklusive der gleichen Wertschätzung für Mann und Frau – jetzt islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen stattfindet. Damit ist eine Erdung in der deutschen Gesellschaft verbunden.

Vor einigen Jahren wurde beklagt, es gebe zu wenig Lehrer für das Fach islamische Religion. Hat dazu auch der Kopftuch-Streit beigetragen?

Da müsste man sich die aktuellen Zahlen in den Bundesländern ansehen. Als Bundesregierung haben wir die Zentren für Islamische Theologie auch unterstützt, um Ausbildungsangebote für islamische Religionslehrerinnen und –lehrer in Deutschland zu erweitern, und zwar wissenschaftlich fundiert. Grundsätzlich muss gelten, dass Persönlichkeiten in staatlichen Funktionen – ob das nun Richter sind oder Lehrer – auch an der Stelle aus ihrer staatlichen Funktion heraus eine Neutralität gegenüber Religionen sicherstellen müssen. Das ist Konsens in unserer Gesellschaft und muss aufrecht erhalten bleiben.

Hat bei den Vorbereitungen über die weitere Förderung des Studiengangs Islamische Theologie die Diskussion über die Vereinbarkeit von Scharia und Grundgesetz eine Rolle gespielt?

Darüber brauchten wir nicht lange nachzudenken. Es ist ausschließlich das Grundgesetz grundlegend für alles, was hier stattfindet. Auch die Konstruktionen der islamischen Theologie an den Universitäten inklusive Beiräte fußen ja ganz klar auf der Anerkennung des Grundgesetzes mit allen Grundrechtsartikeln.