Fünf Jesidinnen sprachen über ihre Qualen und ihre Hoffnungen

Reidegeld: Jesiden brauchen jetzt unsere Hilfe

„Wir waren nicht darauf vorbereitet, als der IS am 3. August 2014 in unsere Dörfer kam“, berichtet Necla. 10 000 Jesiden seien im irakischen Sinjar-Gebirge von Schergen des so genannten Islamischen Staats (IS) überfallen worden. „4000 Männer wurden getötet. 6000 Frauen und Kinder verschleppt. Von ihnen ist die Hälfte noch in den Händen des IS“, sagt die etwa 30-Jährige.

Necla konnte nach elf Monaten Versklavung fliehen. Mit vier anderen jungen Frauen berichtete sie in der St.-Laurentius-Kirche in Senden über ihre Leiden, ihre Flucht und ihre Hoffnungen nach der Gefangenschaft. Kein Laut ist in der Kirche zu hören, als auch Mervan, Sivan, Serap und Viyan sprechen.

Keine Hilfe von den Nachbarn

„Wir haben geglaubt, dass unsere muslimischen Nachbarn und Freunde uns helfen“, berichtet die 18-jährige Sivan. „All die Jahre haben Jesiden und Muslime doch friedlich zusammengelebt, sind gemeinsam zur Schule gegangen, haben die jeweils anderen religiösen Feste mitgefeiert.“ Doch das ganze Gegenteil geschah. „Unsere Nachbarn und Freunde sind uns in den Rücken gefallen, haben sich am Verkauf der Frauen auf den Märkten und den Vergewaltigungen beteiligt.“

„Wie kann das sein, dass bis heute noch Frauen und Kinder in IS-Gefangenschaft sind?“, ist die 23-jährige Mervan fassungslos. Die Aktion Hoffnungsschimmer hatte die fünf Zeuginnen nach Senden eingeladen. Der Verein unter der Schirmherrschaft von Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar im Bistum Münster, hilft Menschen, die in die vom IS zerstörten Dörfern im Sinjar zurückkehren. „Ich verneige mich vor den Frauen, die den Mut haben, über ihre Leiden und Hoffnungen zu sprechen“, sagt er.

Stichwort: Jesiden
Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Weltweit hat die monotheistische Religionsgemeinschaft mehrere hunderttausend Mitglieder. In Deutschland leben derzeit bis zu 80.000 Anhänger. Der jesidische Glaube vereint Elemente verschiedener nahöstlicher Religionen, vor allem aus dem Islam, aber auch aus dem Christentum. Im Jesidentum gibt es keine verbindliche religiöse Schrift. Die Glaubenslehren werden mündlich überliefert. Nach jesidischer Vorstellung ist Gott „einzig, allmächtig und allwissend“.  Jesiden haben ein weltliches und ein religiöses Oberhaupt („Baba Sheikh“). Jeside ist nur, wer von jesidischen Eltern abstammt. Heiratet ein Jeside einen Andersgläubigen, gilt das als Austritt aus der Religionsgemeinschaft. Jesiden wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verfolgt, sowohl religiös als auch - wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Kurden - ethnisch. Fundamentalistische Muslime betrachten sie als „ungläubig“ und „vom wahren Glauben abgefallen“. Deshalb verbergen Jesiden in ihren Heimatgebieten häufig ihre Identität. Das Verhältnis zu Christen gilt nach eigenen Angaben als gut. (KNA)

Unterstützt werden die Jesidinnen auch von der Plattform für verschleppte Frauen. Sevda Ediz von der Plattform und Leyla Ferman vom Kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit moderierten das Gespräch und übersetzten ins Deutsche. „Wir haben einer älteren Muslimin die Füße geküsst und sie angefleht, man möge uns nicht vergewaltigen. Die Frau hat gesagt, dass es keinen Ausweg gibt. Wir müssten Musliminnen werden,“ berichtete Necla. Sie habe erlebt, wie Mädchen im Alter von sieben bis zwölf Jahren missbraucht wurden.

Die 28-jährige Viyan erzählt, dass Müttern ihre Babys aus den Armen gerissen wurden, um sie zwangszuislamisieren. „Die Kinder sind von Ort zu Ort weiterverkauft worden – bis in die Türkei. Sie sollen von ihrer Heimat und ihrem Glauben getrennt bleiben.“

Brutale Misshandlungen

Viyan stehen Tränen in den Augen. „Unsere Toten werden nicht lebendig. Die Überlebenden aber brauchen jetzt Hilfe. Viele leben seit Jahren in Zelten.“ Auch Mervan hat es aus eigener Kraft geschafft, aus der IS-Versklavung zu fliehen. „Wir sind geschlagen worden, bis wir Wunden hatten“, sagt die 23-Jährige. Frauen, die wegen ihres Zustands nicht mehr weiterverkauft werden konnten, seien getötet worden. „Sie waren für nichts mehr nutze.“

Der IS habe ihr erst versucht, die Tochter und später den sechs Monate alten Sohn wegzunehmen, sagte Viyan. Daraufhin habe sie einen Selbsttötungsversuch gemacht und es geschafft, die Kinder zurückzubekommen. Mit ihnen und einer Cousine konnte sie eines Nachts flüchten. Irgendwann seien sie auf einen Militärposten getroffen und in ein Flüchtlingslager gekommen. Mit einem Kontigent von 1000 Jesidinnen sei sie nach Deutschland eingeladen worden. „Wir können nicht sagen, dass der IS für den Islam steht. Aber es ist einfacher, jetzt in einem Land zu leben, das nicht vom politischen Islam geprägt ist.“

Suche nach der Familie

Viyan betont, bei früheren Genoziden hätten die jesidischen Familien ihre vergewaltigten Töchter aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Das sei diesmal anders. „Mein Vater hat mir gesagt: ‚Mach dir keine Sorgen.‘ Wir Frauen sind wieder herzlich aufgenommen worden.“

Sivan weint. Sie hat keinen Kontakt zu ihrem Vater, wisse nicht, ob er lebt. Ihre Mutter und die Schwestern seien in einem Flüchtlingslager untergebracht. Das Ziel müsse doch sein, die Familien wieder zusammenzuführen und ihnen zu helfen, ein neues Leben im Sinjar aufzubauen.

Der Plattform für verschleppte Frauen geht es zudem darum, die Täter rechtlich zur Verantwortung zu ziehen, sagt Leyla Ferman. Der Versuch des IS, die Jesiden und ihre Religion im Nahem Osten auszulöschen, müsse von der Weltgemeinschaft als Völkermord anerkannt werden.

Domvikar Reidegeld von der Aktion Hoffnungsschimmer appelliert, den Jesiden jetzt finanziell und sozial beim Neuaufbau im Irak zu helfen. Er kennt die Lage der Menschen von Beuchen vor Ort. „Es wäre der größte Sieg der Verbrecher, wenn diese Frauen vergessen würden“, sagte er.