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Pfarrei und Caritas wollen gezielt auf Menschen am Rand zugehen

Rein ins Problemviertel von Damme - Caritas plant mobilen Siedlungstreff

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Über die Hälfte hier hat einen Migrationshintergrund. Die meisten benötigen soziale Leistungen. Caritas und Pfarrei würden den Menschen in einer einst für Aussiedler gebauten Siedlung in Damme (Kreis Vechta) gerne mehr helfen, aber der Kontakt ist schwierig. Ein neuer „Mobiler Siedlungstreff“ soll das bald ändern.

Sherin Silli hat früher selbst hier gewohnt. Jetzt besucht sie ab und zu abends ihre Tante in einem der Mehrfamilienhäuser am Stadtrand von Damme (Kreis Vechta). Und wundert sich, wenn zwischen den Blocks am Gerstenkamp und am Jugendherbergsweg Kinder auch spät noch draußen herumtollen. Obwohl sie eigentlich im Bett sein sollten, weil sie am nächsten Tag in der Schule sitzen müssen.

Ob den Müttern wohl klar sei, wie wichtig die Schule für ihre Kinder ist? Sherin Silli, die aus Syrien stammt und sich in Damme im Dienst der Caritas um Geflüchtete kümmert, fragt sich das manchmal. Ihr Eindruck: „Es fehlt in manchen Familien hier an Regeln.“ Und das sei nicht gut, besonders für die Kinder.

Menschen aus 20 Nationen leben dort

Auf dieser kleinen Rasenfläche könnte künftig dreimal in der Woche der Mobile Siedlungstreff einen Platz bekommen. | Foto: Michael Rottmann
Auf dieser kleinen Rasenfläche könnte künftig dreimal in der Woche der Mobile Siedlungstreff einen Platz bekommen. | Foto: Michael Rottmann

Aus ihrer Arbeit als Flüchtlingsberaterin weiß sie zudem: Auch anderen Menschen in dem Viertel würden Hilfe und Ansprechpartner guttun: einsamen Senioren, Jugendlichen oder Alleinerziehenden zum Beispiel. Dafür aber müsste man sie erst einmal erreichen. Und das war bisher gar nicht so einfach.

Rund 400 Dammer wohnen in den 20 Blocks, die Anfang der 1990er Jahre entstanden waren, ursprünglich für Aussiedler. Heute leben dort Menschen aus 20 verschiedenen Nationen. 60 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Die Mehrheit ist auf soziale Leistungen angewiesen, der größte Teil der Rentner auf Grundsicherung.

Manche Probleme kommen bei der Caritas an

Cornelia Emken, Elisabeth Vodde-Börgerding und Sherin Silli gehören zu dem Team, das den neuen Mobilen Siedlungstreff plant. | Foto: Michael Rottmann
Cornelia Emken, Elisabeth Vodde-Börgerding und Sherin Silli gehören zu dem Team, das den neuen Mobilen Siedlungstreff plant. | Foto: Michael Rottmann

Eine Siedlung mitten in dem wohlhabenden Städtchen am Südhang der Dammer Berge mit seinen schmucken Einfamilienhäusern. Nach außen unauffällig. Also: keine Graffiti an den Wänden, keine brennenden Mülltonnen oder Autowracks an der Straße.

„Aber eben doch Block an Block, mit teilweise zehn großen Familien in einem Haus“, sagt Cornelia Emken, die als Sozialarbeiterin für die Gemeinde-Caritas im Süden des Landkreises Vechta die Situation kennt. Weil manche Probleme der Bewohner bei der Caritas ankommen.

Ab und zu bittet eine Grundschule um Hilfe

Hin und wieder bittet eine Grundschule um Hilfe. Etwa, wenn es schwierig ist, Kontakt zu einer Familie herzustellen. Ob nicht jemand von der Caritas-Migrationshilfe vermitteln könne? Weil die Verständigung kompliziert, aber dringend nötig sei. Zum Beispiel, wenn es um unterschiedliche Vorstellungen von Schulpflicht geht.

Elisabeth Vodde-Börgerding hat die Lage in dem Viertel über die Jahre verfolgt. Sie beschreibt die Entwicklung: „Als die Aussiedler wegzogen, rückten Menschen nach, für die der Wohnungsmarkt wenig Alternativen bietet: Geflüchtete, Arbeitsmigranten, Rentner, alleinerziehende Frauen.“

Ein „Mobiler Siedlungstreff“ soll dreimal pro Woche bereitstehen

Heiner Zumdohme ist Pfarrer von St. Viktor Damme. | Foto: Michael Rottmann
Heiner Zumdohme ist Pfarrer von St. Viktor Damme. | Foto: Michael Rottmann

Die Caritas-Migrationsberaterin gehört wie ihre Kolleginnen Sherin Silli und Cornelia Emken zu dem Team, das jetzt mit einem neuen Ansatz versuchen will, Kontakte zu den Menschen in dem Viertel zu verbessern: „Mobiler Siedlungstreff“ lautet der Arbeitstitel. Eine Art Wohnwagen, in dem regelmäßig mehrmals pro Woche ein Ansprechpartner bereitstehen wird.

Dessen Aufgabe: Kontakte zu den Menschen auf- und Hemmschwellen abbauen. Für lockeres Miteinander, besseres Kennenlernen, mit Spiel- und Freizeitangeboten. „Vielleicht auch, um so etwas wie einen „Elterntalk“ ins Leben zu rufen, wo man über Erziehungsfragen und eben auch über Dinge wie Schulpflicht ins Gespräch kommen könnte“, sagt Elisabeth Vodde-Börgerding.

„Wenn die Bewohner nicht kommen, gehen wir zu ihnen!“

„Wir wissen aus unserer Arbeit, dass wir vielen der Bewohner bei ihren Problemen helfen könnten“, ergänzt Cornelia Emken. Die kämen aber nicht von sich aus in das Caritas-Beratungshaus im Schatten der St.-Viktor-Kirche. „Wenn sie nicht kommen, gehen wir eben zu ihnen!“

Dammes Pfarrer Heiner Zumdohme, der das neue Angebot ebenfalls mitgeplant hat, sieht das ähnlich. Auch die örtliche St.-Viktor-Pfarrei versucht schon seit langem, Kontakte zu den Menschen im Viertel aufzubauen, bisher allerdings ziemlich vergeblich. Daran haben auch die jährlichen Sommerfeste dort wenig geändert. Heiner Zumdohme war stets selbst dabei. Weil es für ihn selbstverständlich ist, „dorthin zu gehen, wo Menschen leben und für sie da zu sein.“

Eines betont Elisabeth Vodde-Börgerding bei allem Einsatz aber ganz deutlich: „Es geht nicht darum, den Bewohnern etwas von oben aufzustülpen, sondern darum, mit ihnen gemeinsam etwas Neues zu entwickeln, um das Leben in der Siedlung besser zu machen.“

Mobiler Siedlungstreff Damme
Der neue „Mobile Siedlungstreff“ in Damme soll voraussichtlich dreimal pro Woche geöffnet sein. Die Kosten für das zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt schätzen die Organisatoren auf rund 60.000 Euro im Jahr. Das Geld soll über Spenden und öffentliche Fördergelder zusammenkommen. Voraussichtlich im Frühjahr 2023 soll das Ganze starten.

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