Impuls zur eucharistischen Anbetung

Reinhard Lettmann über den Blick Jesu

Am 16. April 2013 starb Bischof Reinhard Lettmann. Aus seinem Buch „Mut gibst du meinen Schwingen - Von der Hoffnung und Zuversicht des Christen“ stammen seine Impulse zur Anbetung.

Ein Wort der islamischen Frömmigkeit kann uns Anregung sein zur Anbetung: „Du sollst Gott anbeten, als würdest du ihn sehen. Denn auch wenn du ihn nicht siehst, er sieht dich gewiss“ (A. Khoury, Gottes ist der Orient - Gottes ist der Okzident. Lebensweisheit des Islams, CIS-Verlag, Altenberge 1983, S. 23).

Auf Gott schauen

„Du sollst Gott anbeten, als würdest du ihn sehen“: In der Anbetung schauen wir auf Gott. Doch Gott ist unsichtbar und mit leiblichen Augen nicht zu schauen. Es kann uns eine Hilfe sein, wenn wir beim Beten ein Bild vor Augen haben. Wir lieben es deshalb, in unseren Kirchen auf ein Christusbild schauen zu können, auf das Bild Jesu am Kreuz oder auf das Bild des verherrlichten Christus. Wir nennen solche Bilder Andachtsbilder, weil sie uns helfen können, an Gott zu denken und unseren Sinn auf ihn hin zu richten.

„Du sollst Gott anbeten, als würdest du ihn sehen“: Bei der eucharistischen Anbetung schauen wir auf die Monstranz. Sie zeigt uns die Hostie. Doch hier geht es um mehr als um ein Andachtsbild, das unseren Sinn auf den Herrn richtet. Wir glauben, dass Jesus Christus selbst unter der Gestalt des Brotes gegenwärtig ist.

Gottheit tief verborgen

Wir können ihn anbeten mit den Worten des hl. Thomas von Aquin: „Gottheit, tief verborgen, betend nah ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier. Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin, weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin. Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: Lass die Schleier fallen einst in deinem Licht, dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“

„Adoro te devote, latens Deitas, quae sub his figuris vere latitas: tibi se cor meum totum subjicit, quia, te contemplans, totum deficit. Jesu, quem velatum nunc aspicio oro, fiat illud, quod tam sitio: ut te revelata cernens facie, visu sim beatus tuae gloriae.“

„Du sollst Gott anbeten, als würdest du ihn sehen. Denn auch wenn du ihn nicht siehst, er sieht dich gewiss.“

Matthäus, Markus und Lukas berichten, wie ein Mann Jesus fragte, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Nur Markus erzählt, dass Jesus ihn in diesem Gespräch anschaute und liebgewann.

Die deutsche Einheitsübersetzung gibt an dieser Stelle den griechischen Text nicht genau wieder: „Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: ...“ (Mk 10,21). In dieser Übersetzung werden lieben und sagen verbunden und das Lieben zur Begründung des Sagens gemacht. Der griechische Text hingegen verbindet das Lieben mit dem Sehen. Dementsprechend heiß es in der ersten Fassung der Einheitsübersetzung treffender: „Da blickte ihn Jesus an und fasste Zuneigung zu ihm; er sagte: ...“ Jesus schaut den Mann an, und im Anschauen gewinnt er ihn lieb.

„Du sollst Gott anbeten, als würdest du ihn sehen. Denn auch wenn du ihn nicht siehst, er sieht dich gewiss“: In der Anbetung stellen wir uns dem Blick Jesu. Wir dürfen gewiss sein, dass sein Blick auf uns ruht. Dürfen wir hoffen, dass er uns liebgewinnt? Vielleicht müssen wir uns ihm ehrlichen Herzens mit der Frage des Mannes aus dem Evangelium stellen: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ - „Da schaute Jesus ihn an und gewann ihn lieb.“