Impuls des verstorbenen Bischofs

Reinhard Lettmann über die Kunst der kleinen Schritte

Am 16. April 2013 starb Bischof Reinhard Lettmann. Aus dem Jahr 2004 stammen Lettmanns Impulse zum Thema „Wachsam für den Augenblick“.

Antoine de Saint-Exupéry betet: „Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.“

Wunder und Visionen sind möglich. Sie sind allerdings nicht alltäglich. Sie können in den Alltag hineinwirken, ihn beleben oder belasten. Sie können Kraft für den Alltag geben. Wunder und Visionen sind freie Geschenke Gottes. Wir dürfen unseren Alltag nicht von ihnen abhängig machen. Wenn wir Gott um Kraft für den Alltag bitten, haben wir dabei nicht Wunder und Visionen im Sinn. Wir bitten vielmehr um die Kraft für die kleinen Schritte, die der Alltag von uns fordert: „Ich bitte dich, Herr, um die große Kraft, diesen kleinen Tag zu bestehen, um auf dem großen Weg zu dir einen kleinen Schritt weiter zu kommen.“ Dabei ist der nächste Schritt jeweils der entscheidende. Wer ihn nicht tut, bleibt stehen. Zwei Worte können uns Mut machen, den nächsten Schritt zu tun.

Mut zum nächsten Schritt

Das erste Wort lädt ein zum Vertrauen auf Gott. Eine mutige Ordensfrau, die eine neue Abtei gegründet hat, fasst ihre Erfahrung zusammen: „Man muss einen Schritt vorwärts tun, wenn der Herr einen lichten Fleck zeigt, wohin man den Fuß setzen kann.“

Der Weg liegt im Dunkeln. Man weiß nicht recht, wohin man gehen soll. Gott kann Licht schenken, er kann ein Ziel aufleuchten lassen. Aber es ist weit entfernt. Können wir das Ziel erreichen? Wie kommen wir zum Ziel? Der Weg ist dunkel, doch Gott, der ein Ziel aufleuchten lassen kann, kann auch einen Lichtfleck zeigen, wohin man den Fuß setzen kann. Damit liegt nicht schon der ganze Weg in hellem Licht, aber wir wissen, wohin wir den Fuß setzen können. Wenn wir dort stehen auf dem Lichtfleck, den Gott zeigt, wird er für den dann folgenden nächsten Schritt wohl wieder einen Lichtfleck zeigen, wohin wir den Fuß setzen können. Wichtig ist es, im Vertrauen auf Gott den nächsten Schritt zu tun, wenn er einen Lichtfleck zeigt, wohin man den Fuß setzen kann.

Der eigenen Kraft vertrauen

Papst Schenuda III., der Patriarch der koptischen Kirche, deutet den Zug des Volkes Israel durch das Rote Meer wie folgt: Mose streckt seinen Stab aus über das Wasser. Doch das Wasser geht nicht sofort auseinander und zeigt einen offenen Weg zum jenseitigen Ufer. Das Wasser geht immer dann auseinander, wenn das Volk im Vertrauen auf Gott den nächsten Schritt tut.

Vertrauen auf Gott, aber auch Mut, der eigenen Kraft zu vertrauen. Davon spricht Klaus Hemmerle, der frühere Bischof von Aachen. „Anstrengung … Manchmal denkst du: Nur noch der nächste Schritt geht. Wenn du das oft genug gedacht hast, bist du auf einmal oben“ (Worte ins Spiel gebracht, 100 Worte von Klaus Hemmerle, Verlag Neue Stadt, S. 100).

Der nächste Schritt ist jeweils der entscheidende. Wenn man die Kraft dazu hat, soll man ihn tun. Man kann ja nach jedem Schritt eine Pause einlegen, neue Kraft sammeln und dann den nächsten Schritt tun. Wer so Schritt für Schritt geht und vor jedem neuen Schritt neue Kraft sammelt, erreicht am Ende das Ziel des Weges.