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Pfarrei St. Mauritz: Hans-Rudolf Gehrmann sieht Gründe auf höherer Ebene

Rekord-Kirchenaustritte in Münster: Leitender Pfarrer schockiert

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Ein Rekord an Kirchenaustritten 2021 im Bistum Münster ist zu erwarten. Für die Stadt Münster meldet das Amtsgericht bereits Höchstzahlen. Wir haben Hans-Rudolf Gehrmann, Pfarrer in der Pfarrei St. Mauritz Münster, gefragt, wie er die hohen Zahlen in seiner Gemeinde bewertet und was er gegen den Trend tun möchte.

531 Frauen und Männer in Ihrer Pfarrei St. Mauritz in Münster sind im vergangenen Jahr aus der Kirche ausgetreten, ein absolut historischer Höchstwert. Wie bewerten, wie erklären Sie diese hohe Zahl an Kirchenaustritten?

Diese hohe Anzahl an Kirchenaustritten im letzten Jahr hat mich schockiert. Hier vor Ort bekommen wir das ab, was auf den Ebenen Bistum, deutsche Kirche und Weltkirche vor allem an Aufarbeitung der Missbrauchsskandale und meines Erachtens notwendigen Reformen nicht richtig oder zu schleppend läuft. Aus dem Kontakt mit einzelnen Ausgetretenen weiß ich, dass es die großen Themen auf den „höheren Ebenen“ sind, die Menschen dazu bewogen haben, die Kirche zu verlassen. Weil wir aber eine Kirche sind, werden wir vor Ort zur Mitverantwortung gezogen.

Wie reagieren Sie im Seelsorgeteam und in den kirchlichen Gremien auf diese rasante negative Entwicklung?

Pfarrer Hans-Rudolf Gehrmann. | Foto: privat
Pfarrer Hans-Rudolf Gehrmann. | Foto: privat

Diese absolut hohen Zahlen auch für unsere Pfarrei St. Mauritz mit ihren derzeit rund 18.500 Mitgliedern sind mir erst seit Ende Dezember bekannt, als die Jahresstatistik erstellt wurde. Damit werden wir uns in den nächsten Monaten im Seelsorgeteam, im Pfarreirat und Kirchenvorstand und in unseren fünf Ortsgemeinderäten auseinandersetzen. Wir werden das nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch analysieren und kreativ überlegen, was wir vor Ort weiter so oder anders machen können. Ein erster Blick auf die Altersgruppen zeigt, dass rund 60 Prozent der bei uns Ausgetretenen zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, rund 15 Prozent zwischen 40 und 50 und rund weitere 15 Prozent zwischen 50 und 60 Jahren. Ohnmächtig fühle ich mich bei den meines Erachtens notwendigen Reformen auf den „höheren Ebenen“. Da leide ich auch persönlich an meiner Kirche. Ehrenamtlich und hauptamtlich in der Kirche Engagierte machen in St. Mauritz vor Ort gute Arbeit: Wir feiern in unseren sechs Kirchengebäuden miteinander eine lebensnahe Liturgie mit guter Kirchenmusik, wir leben und vermitteln christliche Werte in unseren Gruppen und Gremien, in unseren sieben Kindergärten und zwei Jugendheimen, wir sind durch die Gemeindecaritas und Seniorenbüros nah am Menschen und im Stadtviertel präsent, Christ*innen geben im Alltag Zeugnis von ihrem christlichen Glauben. Und es ließe sich noch mehr erwähnen. „Tue Gutes und rede darüber“ – diesem Wort gemäß werden wir unsere Öffentlichkeitsarbeit aktualisieren.

Wie könnte sich die Kirche so aufstellen, dass sie auch die Kirchenfernen, die Kritiker und Enttäuschten wieder anzieht?

Blick in die Statistik der vergangenen Jahre in der Gemeinde St. Mauritz. | Grafik: Pfarrei
Blick in die Statistik der vergangenen Jahre in der Gemeinde St. Mauritz. | Grafik: Pfarrei

Anziehend wirkt für mich die Kirche jetzt und zukünftig, wenn wir mehr auf Innerliches als Äußerliches Wert legen: Wenn Menschen Sinn, Halt und Hoffnung über den Tod hinaus für ihr Leben suchen, auch in leidvollen Situationen, gibt mir die Person und die Botschaft des Jesus von Nazaret Antworten darauf. Wenn Menschen „guten Willens“ humane Werte leben und vermitteln möchten, dann haben wir einen gemeinsamen Nenner, ich leite allerdings diese Werte von Jesus und zum Beispiel seiner Bergpredigt ab. Glauben kann ich nicht allein. Deshalb ist mir die Verortung in einer überschaubaren Kirchengemeinde ganz wichtig. Da kann ich das Leben und den Glauben, Freud und Leid miteinander teilen im Geben und Empfangen. Fusionierte Großgemeinden und die neu geplanten „Pastoralen Räume“ im Bistum Münster erscheinen mir dabei als wenig hilfreich. Ohne Suche nach Sinn, ohne Beziehung zu Gott oder Jesus und ohne Kontakt zu einer konkreten Glaubensgemeinschaft vor Ort werden selbstzufriedene Menschen („Mir fehlt nichts“) nicht wieder den Weg in die Kirche zurückfinden.

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