„Alter, bloß nicht Bibel und so“

Religionsunterricht an der Berufsschule – so kann es gehen

Es muss ohne Bibel gehen. Und: Zu theoretisch darf es auch nicht sein. Matthias Voßmann hat es mal mit einem Text von Martin Luther versucht. Darüber, wie der Reformator über Arbeit dachte. Eigentlich passend für eine Berufsschulklasse, dachte er damals. Heute lächelt er darüber.

Denn ziemlich schnell wurde ihm klar: In Berufsschulklassen funktioniert das nicht. In den Gesichtern der angehenden Klempner oder Metallbauer konnte er deutlich lesen: „Ey Alter, Was willst Du? Damit können wir nichts anfangen.“

Nicht zu viel Theorie – und trotzdem Tiefe

Drei Jahre ist das jetzt her. Religionslehrer an der Lohner Adolf-Kolping-Schule ist der 33-Jährige immer noch. Aber er hat einen anderen Weg gefunden. Ohne Bibel. Ohne zu viel Theorie. Aber durchaus mit Tiefe. „Und es funktioniert“, sagt er.

Nur, dass er den jungen Leuten nicht mit Gleichnissen oder der Bergpredigt kommt. Sondern mit Fragen aus ihrem Leben: der Zoff unter Kollegen, der Streit mit dem Chef, der Ärger mit einem unzufriedenen Kunden, Mobbing im Betrieb.

Themen aus dem Leben sind das A und O

„Da sind sie sofort dabei!“ sagt Matthias Voßmann. Weil das zur Lebenswelt der Schüler passe. Und schnell zu Gesprächen führe über christliche Grundsätze: Nächstenliebe, Respekt.

Die „Berufsschulklassen“, das sind die der Auszubildenden, die ein oder zwei Tage in der Woche kommen und die anderen Tage in ihrem Lehrbetrieb arbeiten. 16- bis 17-Jährige zumeist, die an der Adolf-Kolping-Schule die Theorie ihres Berufs erlernen.

Den Schülern etwas zum Nachdenken mitgeben

Natürlich gebe es auch für das Fach Religion einen Lehrplan. Die Frage sei, „wie man ihn füllt“, sagt Lehrer Voßmann. Wie man die konkreten Lebensfragen aufnehme und vorkommen lasse. „Genau darauf kommt es aber an!“, ist er sich sicher.

Gruppenarbeit im Religionsunterricht einer Fachoberschul-Klasse Lohenr Adolf-Kolping-Schule. | Foto: Michael Rottmann
Gruppenarbeit im Religionsunterricht einer Fachoberschul-Klasse Lohenr Adolf-Kolping-Schule. | Foto: Michael Rottmann

Am Beginn eines Schuljahres fragt er die Schüler nach Erfahrungen, Wünschen, Voraussetzungen. „Oft nennen sie dann Themen aus der großen Politik, wo es etwa um Gewalt geht. Und das breche ich dann runter auf ihr eigenes Leben.“ Wo so etwas im Kleinen auch vorkomme. „Und wo ich ihnen dann etwas dazu mitgebe: Wie verhalte ich mich am Arbeitsplatz? Wie gehe ich mit anderen um? Was bedeutet Respekt?“

Die Schüler merken manchmal gar nicht gleich, worum es ihm geht. „Sie empfinden das vielleicht als lockere Diskussion.“ Aber sie nähmen durchaus etwas mit. „Und wenn es nur eine Frage ist, über die sie auf dem Nachhauseweg nachdenken.“

Der letzte Berührungspunkt mit Religionsunterricht

Das ist dem ehemaligen Messdiener und St.-Georgs-Pfadfinder aus Dink­lage wichtig. Geradezu leidenschaftlich klingt sein Bekenntnis. „Die Berufsschule ist für die meisten ja der letzte Punkt in ihrem Leben, wo sie mit Religionsunterricht Kontakt haben.“ Und der solle als gut und sinnvoll im Gedächtnis bleiben. „Damit sie in 15 Jahren als Geselle oder Meister gern daran zurückdenken. Und nicht sagen: ›Das kannst du vergessen‹.“

Religionsunterricht an der Adolf-Kolping-Schule wird wie an den meisten Berufsschulen im Oldenburger Land konfessionell-kooperativ erteilt. Evangelische und katholische Schüler sitzen in einer Klasse. Das Team der Fachlehrer hat dafür ein Konzept erarbeitet.

Nur wenig Zeit im engen Stundenkorsett

Religionsunterricht, für den im Stundenkorsett des Berufsschule aber wenige Stunden Zeit bleibt, der oft nur ein Halbjahr erteilt wird. Auch im Stundenplan von Matthias Voßmann ist er die Ausnahme. In der Hauptsache steht er mit Metalltechnik, Physik oder Mathe vor den Klassen.

Nur zwei von 20 Stunden gibt er derzeit Religion. Entweder für angehende Handwerker oder an einer der Fachschulen, der Fachoberschule oder am Fachgymnasium Technik, die ebenfalls zur Adolf-Kolping-Schule gehören. Dort geht es auch mal um Kant oder Platon.

„Die Schüler machen sich durchaus Gedanken“

Und wie denken Handwerksmeister über Religionsunterricht? In der Ausgabe der Bistumszeitung „Kirche+Leben“ vom 10.12.2017 lesen sie, warum Malermeister Werner Blömer aus Höltinghausen ihn wichtig findet - und welche Inhalte er empfiehlt.

„Ich freue mich auf den Religionsunterricht“, sagt Voßmann. Ganz bewusst habe er sich für das Fach entschieden, auch als Gegenpol zu seinem anderen Hauptfach Metalltechnik. „Da kann ich auch mal an etwas anderes denken.“ Nicht nur an Formeln, Physik oder Werkstoffkunde.

Religionsunterricht sei persönlicher. „Wenn es um Ethik geht und zum Beispiel um Fragen wie: Was darf ich? Was bedeutet es, wenn ich nur an mich denke?“ Egal, ob auf dem technischen Gymnasium oder in der Berufsschule – sein Eindruck: „Die Schüler machen sich da durchaus ihre Gedanken.“

Nur wenige melden sich ab

Nur ganz selten meldeten sie sich vom Religionsunterricht ab. Voßmann lächelt. „Einmal wollten das zwei. Bis sie erfahren haben, dass sie dann nicht frei haben, sondern an alternativem Unterricht teilnehmen sollten. Da sind sie lieber geblieben.“

Versteht er sich als Katechet? Voßmann wiegt den Kopf hin und her. „Ich weiß nicht?“, sagt er nachdenklich und fügt nach einigen Momenten an: „Die brauchen ein Handwerkszeug, um im Leben klarzukommen. Dabei will ich helfen.“