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Maria Landvogt aus Varel kümmert sich um Menschen rund um ein Bus-Wartehäuschen

Rentnerin verschenkt freitags Tee und Brote – einfach so

  • Maria Landvogt (67) aus Varel (Kreis Friesland) bringt jeden Freitag Tee und Brötchen zu Menschen, die ihre Vormittage in einem Bus-Wartehäuschen verbringen.
  • Mittlerweile macht ihr Beispiel Schule.
  • Andere Menschen haben schon angefragt, wie sie sie unterstützen oder selbst etwas tun können.
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Vor zwei Jahren klingelte es an ihrer Haustür. Maria Landvogt weiß es noch genau. „Da stand ein Herr vor mir, sauber, gepflegt, in der Hand eine Plastiktüte von Netto. Und er fragte nach einem Butterbrot.“ Sie konnte es kaum glauben. „Ein Butterbrot!“ Doch sie zögerte nicht, fragte nur noch: „Mit Käse oder mit Wurst?“ Der Mann antwortete: „Egal, wenn es nur was zum Essen ist.“

So schmierte sie ihm zwei Brote und legte noch Pfirsiche und einen Apfel dazu. „Er hat sich bedankt und ging die Einfahrt herunter.“ Durch das Küchenfenster sah die 67-Jährige ihn noch auf der Straße stehen und in das Brot beißen. Eine Freundin, die gerade zu Besuch war, fragte nur: „Wer war das denn?“ Worauf Maria Landvogt antwortete: „Ich denke mal, das war unser Herrgott, der Hunger hatte.“

Ein Mann klingelte wegen eines Butterbrots

2016, als Rentnerin, war Maria Landvogt aus dem rheinischen Braunkohlerevier nach Varel gezogen, wegen der guten Luft. Mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann war sie früher Jahr für Jahr im Urlaub hier oben. Auch ihre Tochter wohnt mittlerweile in der Nähe.

Mein „Schlüsselerlebnis“ – so nennt sie die Geschichte mit dem Butterbrot im Rückblick. Dass es auch in der Urlaubsregion am Jadebusen arme Menschen gibt, das sei ihr erst durch dieses Erlebnis bewusst geworden – und dass sie etwas tun wollte. Seither hat sie einen anderen Blick, wenn sie durch die Straßen der friesischen Stadt geht. „Wenn ich heute mal wieder jemanden bettelnd in der Fußgängerzone sehe, gehe ich in die nächste Bäckerei und kaufe ihm ein Brötchen.“

Maria Landvogt hilft auch in Vareler Pfarrei

„Ich helfe gerne, wenn jemand gebraucht wird“, sagt Maria Landvogt. In  ihrer alten Heimat Jülich war sie zwölf Jahre KFD-Vorsitzende. In der Vareler St.-Bonifatius-Kirche kümmert sie sich zum Beispiel mit anderen Frauen um den Blumenschmuck oder hilft als „Lese-Oma“ im Kindergarten mit.

Und immer freitags packt sie sie im Sozialen Kaufhaus des Kinderschutzbundes mit an. Von dort aus waren ihr bald auch die Menschen im Bus-Wartehäuschen auf der anderen Straßenseite aufgefallen. Woche für Woche sah sie sie morgens dort sitzen, meist dieselben Gesichter: die Frau mit dem Rollator zum Beispiel oder den Mann mit seiner Einkaufstüte, bei Wind und Wetter.

Besuch jede Woche

Maria Landvogt ahnte, dass die sich über eine nette Geste freuen würden. Spontan fasste sie sich in der Woche drauf ein Herz und ging mit selbstgebackenen Butterbroten und einer Kanne Tee auf die Gruppe zu. Mittlerweile macht sie das jede Woche.

Als ehemalige Friseurin weiß sie Menschen zu nehmen. Mit einem rheinländischen „Moin, alles joot hier?“ traf sie sofort den zupackenden Ton, der ihr das nötige Vertrauen brachte. Mittlerweile spricht sie alle mit Vornamen an.

Einsamkeit ist ein großes Problem

Maria Landvogt. | Foto: Heiner Bruns
Maria Landvogt. | Foto: Heiner Bruns

„Mensch Karl (Name geändert), hast Du dich extra für heute rasiert?“ fragt sie den einen lächelnd. Von manchen kennt sie die Lebensgeschichten. Zum Beispiel die des Landmaschinenschlossers, der später zur See fuhr, dabei an den Alkohol geriet und einige Jahre lang als Obdachloser unterwegs war.

„Eine kleine Wohnung hat er mittlerweile, aber einsam ist  er immer noch“, weiß Maria Landvogt und erzählt von Erika (Name geändert), die ebenfalls bei Wind und Wetter morgens auf der Bank zu finden ist. Auch sie hat eine kleine Wohnung und sagt: „Wenn Du immer nur deine Wände anguckst, dann willst Du auch mal raus.“

Helferinnen und Helfer brauchen Fingerspitzengefühl

Die Menschen auf der Bank freuen sich, wenn Maria Landvogt Tee ausschenkt und Brote verteilt. „Respektvoller Umgang ist dabei aber sehr wichtig“, sagt sie. „Man braucht wahnsinnig viel Fingerspitzengefühl, darf den Menschen zum Beispiel nicht das Gefühl geben, dass man nur aus Mitleid da ist.“

Dabei spielt Nächstenliebe für sie selbst durchaus eine große Rolle. „Uns geht es doch gut“, sagt Maria Landvogt. „Wir haben keine Reichtümer, aber dennoch haben die meisten von allem mehr als genug.“ Manchmal träumt sie davon, dass jeder in Deutschland nur einen einzigen Euro im Monat in einen Fonds für Menschen wie die auf der Bank einzahlen würde. „Was könnte man damit alles machen?“

Nächstes Mal gibt es ein halbes Hähnchen

Maria Landvogts Beispiel zieht Kreise. Kürzlich hat sich ein Mann erkundigt, der auch helfen wollte. Eine andere Frau hat ihr eine warme Winterjacke für einen Bedürftigen gegeben. Auch ihre Tochter, die in der Nähe wohnt, unterstützt sie. Eine Schmuckversteigerung für die Aktion erbrachte 250 Euro. „Davon kann ich jetzt auch mal Brötchen, Frikadellen oder Würstchen für die Leute kaufen.

Vor zwei Wochen hat sie freitags gefragt: „Sagt mal, was würdet Ihr denn am liebsten mal essen?“ Da kam raus: Am liebsten mal Hähnchen. Maria Landvogt lächelt: „Jetzt bekommt beim nächsten Mal jeder ein halbes Hähnchen.“

Als am Tag vor Silvester in Erikas Rollator ein paar Rosen lagen, fragte sie: „Oh Erika, hast du dir zum Neujahr einen Strauß Rosen gekauft?“ Maria Landvogt erinnert sich noch, wie die Menschen auf der Bank einander lächelnd ansahen und Hanne schließlich mit der Sprache herauskam: „Nee, der ist für dich!“ Sie ist davon immer noch gerührt: „Das ist doch der Wahnsinn!“

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