Saskia Jürgens schritt mutig ein, als andere wegschauten

Rettungsmedaille für eine Lebensretterin aus Waltrop

In ihrem Lieblingscafé in Waltrop wirkt sie gar nicht so forsch. Dezent geschminkt sitzt sie mit ihrem Wollpulli hinter eine Tasse Milchkaffe, die Handtasche neben sich auf der Bank. Eine junge Frau, 19 Jahre alt, als Krankenschwester im zweiten Lehrjahr. Kaum zu glauben, dass es Saskia Jürgens Löwenmut war, der zwei Menschen das Leben rettete. Wenn sie aber beginnt, von ihrer Heldentat zu erzählen, ist herauszuhören, dass in ihr eine große Kämpferin steckt.

„Ich kann Ungerechtigkeit überhaupt nicht leiden.“ Vielleicht liege das an ihrer kleinen Schwester, sagt sie lachend. „Zuhause habe ich oft den Kürzeren gezogen, wenn sie mich geärgert hat.“ Jürgens ist überzeugt, dass es ihr Gerechtigkeitsempfinden war, das sie vor gut zwei Jahren in eine Situation brachte, vor der die meisten Menschen weglaufen würden. Sie tat es nicht.

Klare Erinnerungen

Es ist der 27. Februar 2017. Jürgens ist noch spät abends mit ihrer Clique in Dortmund unterwegs. Sie ist müde und möchte heimfahren. Ihre Freundinnen und Freunde aber nicht. Obwohl die Eltern ihr verboten hatten, allein nach Hause zurückzukehren, bricht sie auf. In der Unterführung zum Bus am Bahnhof Dortmund-Mengede rempelt sie eine Gruppe Jugendlicher an. Sie haben Waffen bei sich, auch einen Golfschläger.

„Ich weiß gar nicht, ob ich all das damals überhaupt so wahrgenommen habe.“ Vieles hat sie später für sich rekonstruiert oder zusammen mit der Polizei. Als ihre Gedanken zu jenem Tag und an jenen Ort zurückkehren, wirkt sie angestrengt. Den Kaffee hat sie beiseitegeschoben. Sie reibt sich die Schläfen. „Ein paar heftige Momente habe ich ganz klar in meinen Erinnerungen.“ Der Rest ist verschwommen, vielleicht auch etwas verdrängt.

Jemand war in Not

Die Jugendlichen ließen damals von ihr ab, um eine Treppe zum Busbahnhof hinaufzustürmen. Von dort hörte Jürgens wilde Schreie. Spätestens jetzt wäre Zeit gewesen, umzudrehen und sich in Sicherheit zu bringen. Sie aber sprang die Treppe hinauf. „Ich spürte, dass dort jemand in Not ist.“ Sie sagt, dass sie gar nicht anderes konnte, als zu helfen. „Alles andere war keine Option.“
Oben angekommen stand sie mitten in einem grausamen Szenario. Zehn junge Männer prügelten auf zwei am Boden liegende Jugendliche ein. Die Waffen kamen zum Einsatz – Messer, ein Elektroschocker, der Golfschläger. Jürgens ging dazwischen, versuchte die Angreife von den Opfern wegzuzerren, schrie um Hilfe.

Keiner kam zur Hilfe

In ihren Erinnerungen folgt wieder einer der klaren Momente: „Ich zog einen der Täter an der Kapuze seines grauen Pullovers von einem der beiden Verletzten herunter.“ Der blutete schon heftig und versuchte sich aufzurichten. „Da schlug ein anderer Angreifer ihm mit dem Golfschläger in den Rücken.“

Wie lange die grausame Tat dauerte, weiß sie nicht mehr. „Ich habe sie als unendlich empfunden.“ Auch weil niemand zur Hilfe eilte, obwohl viele Passanten zuschauten. Am Ende ließen die Angreifer ihre Opfer schwerverletzt zurück und flüchteten. Jürgens hatte nichts abbekommen, obwohl auch ihre Kleidung voll Blut war. Auch davon hat sie klare Bilder in ihren Erinnerungen: „Einer lag auf meinem Schoß und röchelte. Er sagte, er habe Diabetes. Sein weißes Shirt war vom Blut durchdrängt.“ Polizei und Rettungswagen rückten an. Die beiden Verletzten mussten notoperiert werden und kamen auf die Intensivstation. Einer hatte drei Messerstiche erlitten, der andere vierzehn.

Dankbar weinende Eltern

Für Jürgens begann ab diesem Moment der Weg der Verarbeitung. Auch der ist bemerkenswert. Denn schon heute, gut zwei Jahre danach, sagt sie überzeugt: „Nein, dieses Erlebnis hat mich nicht verändert, es hat keinen ängstlichen oder aggressiven Menschen aus mir gemacht.“ Ihre Eltern waren wichtige Ansprechpartner, auch ihre Freundinnen. Der Besuch der Opfer im Krankenhaus war ein wichtiger Moment. „Sie dankten mir, dass ich ihr Leben gerettet habe – ihre Eltern nahmen mich weinend in die Arme.“ Sie saß im Gericht, als einige der Täter zu Haftstrafen verurteilt wurden. Und sie hatte eine „echt emotionale Begegnung“, wie sie es nennt.

Es war viele Monate später in einem Club, als sie plötzlich von einem jungen Mann angesprochen wurde: „Saskia, kann ich dich einmal sprechen.“ Jürgens war perplex, denn es war jener Jugendliche, den sie an der Kapuze vom Opfer gezogen hatte. Wieder ein Moment zum Weglaufen, wieder tat Jürgens es nicht. Sie blieb und hörte zu. „Er gehörte nicht zu den Haupttätern und hatte eine milde Strafe bekommen.“ Und er entschuldigte sich bei ihr.

Großes Herz

„Ist das nicht toll?“, fragt sie. „Er hat eingesehen, was er getan hat – er hat eine zweite  Chance verdient.“ Dieser Satz verrät viel über sie. „Ich möchte nicht von ungefähr Krankenschwester werden.“ Sie habe ein großes Herz, sagen die Menschen, die sie kennen. Sie selbst sagt, dass sie gerne gebraucht werde, dass sie immer helfen will. „Sonst wäre ich vor zwei Jahren weggelaufen und hätte einen Bus später genommen.“

26 Helden aus NRW
26 Bürger Nordrhein-Westfalens sind in diesem Jahr vom Land für ihre mutigen Einsätze für andere Menschen ausgezeichnet worden. Sie riskierten ihr eigenes Leben, um anderes Leben zu retten.
Neben Saskia Jürgens erhielten fünf weitere Helfer aus dem Münsterland die Rettungsmedaille von NRW oder eine Öffentliche Belobigung erhielten.
Die Rettungsmedaille wird seit 1951 verliehen. Sie ist aus Silber und wurde bisher 1265 Mal vergeben. Eine so genannte Öffentliche Belobigung erhalten jene Helfer, die ohne Einsatz ihres eigenen Lebens die Rettungen unterstützt haben.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) würdigte die Ausgezeichneten als „Menschen, die bei ihren Rettungstaten über sich hinausgewachsen sind“. Sie seien „Beispiele für Mut und Zivilcourage“, auf die das ganze Land stolz sei.