Langjährige Bistums-Sektenberaterin Brigitte Hahn in den Ruhestand verabschiedet

Rituelle Gewalt – Fachtagung in Münster fordert effektivere Bekämpfung

Mehr als 140 Therapeuten, Fachleute aus Medizin und Strafverfolgung sowie Betroffene sind an diesem Wochenende in Münster zusammengekommen, um über organisierte und rituelle Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu sprechen. Themen sind unter anderen Empfehlungen an die Politik und Gesellschaft, dem Phänomen effektiver auf die Spur zu kommen, Möglichkeiten der therapeutischen Hilfe und die wissenschaftliche Forschung in dem Bereich.

„2000 saß erstmals ein Mensch vor mir, der in einer Sekte aufgewachsen ist und von systematischer Folter, Tötungen und dem Ausschalten jeglicher Kritik berichtete“, sagte Brigitte Hahn, scheidende Leiterin der Fachstelle für Sekten und Weltanschauungsfragen beim Bistum Münster. Sie hat die Kongresse organisiert. Große Teile der Gesellschaft würden dieser extremen Gewalt ungläubig und mit Ablehnung gegenüberstehen. Die Täter agierten im Dunkelfeld. Rituelle und organisierte Gewalt werde planmäßig und systematisch ausgeführt. Die Opfer werden mit extrem brutalen Handlungen gequält. Ihnen Hilfe zu verweigern, mache sie ein zweites Mal zu Opfern.

Täter von Lügde Teil eines Netzwerks?

„Der systematische Missbrauch von Kindern und Jugendlichen auf dem Campingplatz von Lügde hat sich jahrelang unter den Augen der Öffentlichkeit abgespielt“, gibt Hahn ein Beispiel. „40 Kinder, womöglich mehr, wurden gefoltert, missbraucht, gefilmt.“ Erst die späte Anzeige  einer Mutter sei ernstgenommen worden. Hinter dem Missbrauch könne ein Netzwerk von Tätern und Profiteuren vermutet werden. „Wie können die Filme verschwinden? Wie kann die Polizei so lässig ermitteln?“, fragte Hahn.

Bei den Taten ritueller und organisierter Gewalt gebe es zahlreiche Überschneidungen mit dem Geschäft um Kinderpornografie, Zwangsprostitution und Kinderhandel. Nicht selten würden die Taten ideologisch verbrämt und im Dienste von Satan, Luzifer, Odin, Seth oder Luna gerechtfertigt.

Multiple Persönlichkeiten werden programmiert

Der Psychiater Alexander Jatzko, Chefarzt im Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern, zeigte anhand von Hirnprozessen auf, wie Täter schon Babys und Kleinkinder bewusst quälen, damit sie sich in verschiedene Persönlichkeiten aufspalten. Das Programmieren multipler Persönlichkeiten sei bis zum fünften Lebensjahr durch extreme, wiederkehrende Angst möglich. Dadurch werden die Betroffenen gefügig und könnten sich an die Taten nicht mehr klar erinnern. Jatzko stellte auch Behandlungsmethoden vor, die Patienten aus der Programmierung herausholen können.

Susanne Nick vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf stellte die Ergebnisse einer aktuellen Befragung von 165 Betroffenen und 174 Fachkräften vor. 95 Prozent der Opfer sind demnach weiblich. Der Beginn der Gewalt setzte im Schnitt im dritten Lebensjahr ein. Zu den erlebten Gewaltformen gehören Vergewaltigungen, Nahtod-Erfahrungen, körperliche Folter, psychische Bedrohungen, Isolation, Pornografie und Zwangsprostitution. Die Täter kommen aus den Herkunftsfamilien, sind Verwandte, gehören satanistischen, religiösen und faschistischen Gruppierungen an und befinden sich im Dunkelfeld von Kinderpornografie und Kinderhandel.

Bistum Münster sichert künftige Beratung

Brigitte Hahn (Mitte) von der Fachstelle für Sekten und Weltanschauungsfragen geht in den Ruhestand. Jutta Stegemann (links) und Elke Rommen-Kalus übernehmen ihre Aufgaben.Brigitte Hahn (Mitte) von der Fachstelle für Sekten und Weltanschauungsfragen geht in den Ruhestand. Jutta Stegemann (links) und Elke Rommen-Kalus übernehmen ihre Aufgaben. | Foto: Karin Weglage

Die Tagung „Facetten sexualisierter und rituelle Gewalt“ in der katholischen Hochschule NRW bildete gleichzeitig den Abschied von Brigitte Hahn. Sie geht jetzt in den Ruhestand. Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar, überbrachte den ausdrücklichen Dank von Bischof Felix Genn für ihr jahrzehntelanges Engagement. Hahn habe maßgeblich dazu beigetragen, die Problematik ritueller und organisierter Gewalt aufzudecken, Betroffene zu beraten und eine zunehmende Akzeptanz des Themas in der Gesellschaft zu bewirken.

Das Bistum wird die Arbeit der Fachstelle auch künftig ermöglichen – zunächst auf zwei Jahre begrenzt. Zwei Mitarbeiterinnen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Münster werden die Aufgaben übernehmen: Jutta Stegemann ist psychologische Psychotherapeutin, Elke Rommen-Kalus Heilpraktikerin und Sozialpädagogin.