ZWEITER WELTKRIEG

„Russenkinder“: Nun brechen sie ihr Schweigen

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Lange hielt Winfried Behlau seine Geschichte geheim. Für Kirche+Leben brach er sein Schweigen. Danach merkte er: Er ist nicht allein.

Dieser Artikel über Winfried Behlau erschien zuerst im Familien-Journal, Ausgabe vom 10. Mai 2015, von Kirche+Leben. Wir veröffentlichen den Text unverändert.

14 Kinder des Zweiten Weltkriegs mit deutschen Müttern und Soldatenvätern aus der einstigen Sowjetarmee erzählen im Buch „Distelblüten“ ihre Geschichte. Viele erfuhren erst nach Jahrzehnten vom unbekannten Vater und machten sich auf die Suche nach ihm und nach sich selbst.

Winfried Behlau, Jahrgang 1946, ist eines von ihnen: ein „Russenkind“. 2012 zeichnete das FAMILIENJOURNAL unter dem Titel „Vater unbekannt“ seine Lebensgeschichte auf – damals noch unter dem Pseudonym „Johannes S“. Es war das erste Mal überhaupt, dass der damals 66-Jährige über seine „geheime Herkunft“ berichtete. Weder mit Freunden noch mit seinen Söhnen hatte er je darüber gesprochen.

Das Schweigen habe stets wie eine unsichtbare Last zwischen ihm und nahen Menschen gestanden, sagt Behlau. Nur seine Frau wusste Bescheid. Ihr habe er in der Verlobungszeit erzählt, dass seine Mutter kurz vor Kriegsende von einem sowjetischen Rotarmisten vergewaltigt worden war.

50 Jahre lang verkrochen

Die ZDF-Reportagereihe „37 Grad“ berichtet am Dienstag, 9. Juni 2026, um 22.15 Uhr über die Geschichte von Winfried Behlau. Kirche+Leben weiß, worum es geht.

Einen diffusen Verdacht, dass mit ihm etwas nicht stimmen könne, hatte Winfried Behlau schon als Kind gehegt. Als er 13 Jahre alt war, hielt ihn die Mutter im Wohnzimmer zurück und offenbarte ihm in kurzen, bitteren und nüchternen Sätzen die schockierende Wahrheit, die sie kaum selbst verarbeiten konnte. Danach sprachen Mutter und Sohn nie wieder über das Thema – bis heute nicht.

„Über 50 Jahre lang habe ich mich in ein Mauseloch verkrochen“, sagt Winfried Behlau. Bis zur Veröffentlichung im FAMILIENJOURNAL. Danach aber und mit Hilfe weiterer Kontakte kam bei dem pensionierten Mathematik- und Physiklehrer eine Entwicklung in Gang, die er lange ersehnt hatte. Er wollte den Kokon aus Schweigen, Verschweigen, Tabuisieren und Stigmatisieren durchstoßen, der nicht nur ihn umhüllte, sondern auch große Teile der Öffentlichkeit.

Behlau nimmt Kontakt mit Wissenschaftlern auf

„Distelblüten. Russenkinder in Deutschland“
herausgegeben von Winfried Behlau
Con-thor-Verlag, Ganderkesee
152 Seiten, kartoniert, 9,90 €
ISBN 978-3-944665-04-7
https://russenkinder-distelblueten.de/buch/

Im Herbst 2013 nahm Behlau Kontakt mit der von Professorin Ingvill C. Mochmann geleiteten Kölner Forschungsstelle „Children born of war“ („Kinder des Kriegs“) auf und fuhr im Januar 2014 zu einer ersten Konferenz dorthin. Bei dieser Gelegenheit kam er ebenfalls in Kontakt mit Wissenschaftlern der Universität Leipzig, die gerade an einer Studie arbeiteten. Das Thema: „Besatzungskinder – Identitätsentwicklung, Stigmatisierung und psychosoziale Konsequenzen des Aufwachsens als Besatzungskind in Deutschland“.

Winfried Behlau nahm daran teil und füllte gewissenhaft den „komplizierten, über 30-seitigen Fragebogen“ aus, wie er sagt. Das sei eine intensive Erfahrung gewesen, auch deswegen, weil er den Wissenschaftlern erstmals seinen vollen Namen nannte. Für Behlau war das ein zusätzlicher Anstoß, an diesem Lebensthema weiterzuarbeiten.

„Russenkinder“ tauschen sich aus

„In Köln und Leipzig lernte ich Menschen kennen, die von einem ähnlichen Schicksal betroffen sind wie ich“, sagt er. Andere „Russenkinder“, die wie Behlau in einem Akt sexueller Gewalt gezeugt wurden, aber auch Kinder, die aus einer Liebesbeziehung ihrer deutschen Mutter mit einem Sowjetsoldaten stammen. Solche Verbindungen waren in der Rotarmee strengstens untersagt und im deutschen Umfeld nicht gern gesehen. Zudem wurden die russischen Väter – ob sie wollten oder nicht – im Nachkriegsdeutschland und der frühen DDR oft versetzt, oder sie kehrten in ihre Heimat zurück. Sie waren damit für die Kinder und deren Mütter auf Dauer verloren.

„Im März 2014 waren wir neun Personen, alles ‘Russenkinder’, die sich offen austauschten. Da waren auch welche dabei, die schon vor mir an die Öffentlichkeit gegangen sind“, stellt Behlau fest. Die Gruppe beschloss, die Lebensgeschichten der Einzelnen aufzuzeichnen und in einem Buch zusammenzufassen. Daraus wurden schließlich 14 Geschichten, denn auch Menschen, die im Ausland leben, schickten ihre Beiträge.

„Russenkinder“ erzählen ihre Geschichte

„Distelblüten“ haben die Teilnehmer ihren Band übertitelt, der gerade erschienen ist, herausgegeben von Winfried Behlau. Der Titel stützt sich auf ein Erzähl-Detail aus dem Roman „Hadschi Murat“ des russischen Schriftstellers Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi. Darin ruft der Anblick einer Tatarendistel dem Erzähler Erfahrungen des Kaukasuskriegs ins Gedächtnis.

„Disteln sind besonders wehrhafte und widerstandsfähige Pflanzen“, sagt Behlau. Knut Weise, im niederländischen Breda lebender Zeichner und Kunstlehrer, hat für den Bucheinband eine Distel geschaffen, aus der eine Rose erblüht. „Wir sind zu Rosen geworden, weil wir unsere Geschichte erzählt haben, und wir wollen auch anderen Mut machen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen“, erläutert Behlau die Idee. Viele „Russenkinder“ litten ein Leben lang unter ihrer Situation und dem Schweigen. „Manchmal wussten die Nachbarn mehr als die Kinder selbst. Man tuschelte, sprach aber nicht offen darüber“, sagt Behlau.

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