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Die AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt. Warum der Blick jetzt auch auf die Kirchen fällt, erzählt Journalist Klaus Gaßner.
Das Grundgesetz legt in seinem Artikel 103 fest, dass niemand bestraft werden kann, ohne dass man ihn hat zu Wort kommen lassen. Es unterstützt damit umgekehrt die Erkenntnis, dass keiner das Recht für sich allein in Besitz nehmen kann. Dieses urdemokratische Prinzip nimmt Rücksicht auf die Vielgestaltigkeit des Lebens und der Lebensentwürfe. Kluge Entscheidungen, so die Konsequenz, bedürfen genauen Hinhörens und sie bedürfen des Respekts vor der Meinung der anderen. Wenn man so will, folgt die rechtsstaatliche Verfahrensordnung damit einem zutiefst christlichen Prinzip, das schon mit dem „Balken im eigenen Auge“ so schön formuliert wurde.
Respekt und Menschenwürde sind Kriterien, hinter denen sich alle Christinnen und Christen versammeln können. Und umso schmerzlicher ist es zu sehen, dass in einem Bundesland eine Partei eine klare Mehrheit erhalten hat, die fast täglich gegen solche Grundlagen eines gesitteten Miteinanders verstößt.
Es gibt Hoffnung
Der Autor
Klaus Gaßner ist Chefredakteur des Konradsblatts, der Wochenzeitung des Erzbistums Freiburg.
Demokratie braucht Demokraten, das ist eine unumstößliche Einsicht. In Sachsen-Anhalt ist jetzt allerdings eine Situation entstanden, in der die Demokratie nur gefestigt bleiben kann, wenn ihre Strukturen so felsenfest stehen, dass sie auch die nationalistischen, kulturkämpferischen, ja, auch kirchenfeindlichen Herausforderungen durch die vermeintliche „Alternative für Deutschland“ nicht zum Wanken bringen.
Es gibt Hoffnung, dass das deutsche Rechtssystem in diesem Sturm besteht. Dafür legt die Klugheit des Grundgesetzes ein gutes Fundament. Überdies gibt es Gründe dafür, dass die 44 Prozent Zustimmung ein sachsen-anhaltinisches Spezifikum bleiben. Die Auszehrung der dortigen Regierungspartei nach vielen Jahren am Ruder, der noch unausgegorene Reformherbst der Bundespolitik – in vielen anderen Bundesländern wird es die provokative, auf Zerstörung gewohnter Strukturen ausgerichtete Partei schwerer haben.
Die Rolle der Kirchen im Osten
Die Kirchen haben sich im Wahlkampf im Osten ziemlich deutlich gegen die AfD positioniert. Auf sie wird es auch in den kommenden Wochen ankommen. Gut möglich, dass selbst im überwiegend säkularen Osten kirchliche Strukturen wieder als Sammelbecken taugen für Menschen, die vor der neuen Regierung Angst haben. Das allerdings setzt voraus, dass es genügend mutige Christen gibt, die in der Öffentlichkeit für die Prinzipien eines Gemeinwesens eintreten, das über 75 Jahre ein liberales, rechtsstaatlich geordnetes und sozial abgefedertes Miteinander ermöglicht hat. Respekt, Zuhören und Streben nach Gerechtigkeit sind Werte, an denen kein Christ rütteln lassen darf.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.