Frauen und Bistums-Vertreter debattieren über „Maria 2.0“

Scharfe Kritik und Ruf nach Kirchen-Reformen in Münster

Rund 500 Menschen haben im Pfarrzentrum von Münster-Kinderhaus eine Diskussion über die Aktion „Maria 2.0“ verfolgt. Dabei brachen sich Frust, Wut, Empörung, Enttäuschung und massive Kritik an der Kirche Bahn. Andrea Voß-Frick, Mitinitiatorin von „Maria 2.0“, kritisierte scharf „autoritäre Hierarchie“, „unbeschränkte Machtbefugnisse“ und Intransparenz in der Kirche. „Das System erzeugt Anpassungsdruck und Angst“, erklärte Voß-Frick.

„Das Unheil, welches das System anrichtet, ist in der im letzten Herbst veröffentlichten Missbrauchsstudie deutlich geworden.“  Die Kirche schließe Menschen aus, habe sich von der heutigen Lebensrealität entfernt und sei in Teilen selbst zum Unheil geworden, lautete das Urteil der Psychologin. Zugleich kündigte Voß-Frick an, dass „Maria 2.0 „in direktem Kontakt“ mit Bischof Felix Genn stehe und sich demnächst mit ihm treffen werde.

Karl Gabriel: Kein Dialog auf Augenhöhe möglich

Karl Gabriel, emeritierter Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster, betonte, dass der Klerikalismus, der offenbar sexuelle Gewalt in der Kirche begünstigt und geprägt habe, eine „Systemerkrankung“ sei, die überwunden werden müsse.  Derzeit drohe er, die gesamte Kirche in den Abgrund zu reißen. „Der Klerikerkirche gehen die Kleriker aus“, unterstrich Gabriel. Der Klerikalismus sei nicht nur eine Mentalität, sondern eine Struktur. „In diesem System ist kein Dialog auf Augenhöhe möglich“, urteilte der Sozialwissenschaftler.

Blick aufs PodiumDiskutierten über „Maria 2.0“ (von links): Pfarrer Ulrich Messing, SkF-Vorsitzende Anne Hakenes, der stellvertretende Generalvikar Jochen Reidegeld, Andrea Voß-Frick von „Maria 2.0“, Aurica Jax, Leiterin der Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, Professor Karl Gabriel und Andrea Qualbrink aus dem Bistum Essen. | Foto: Ann-Christin Ladermann

Moderatere Töne schlug der Leitende Pfarrer der Kirchengemeinde St. Marien und St. Josef, Ulrich Messing, an. Er dankte ausdrücklich den Frauen, die die Initiative „Maria 2.0“ ins Leben gerufen hatten, rief aber zugleich dazu auf, „gemeinsam und miteinander an den Veränderungen der Kirche zu arbeiten“. „Dafür werden wir einen ganz, ganz langen Atem haben müssen“, dämpfte Messing vorschnelle Erwartungen. Er erlebe allerdings auch, dass die Bischöfe in großer Sorge und auf der Suche seien, „und Bischof Genn auch“.

Anne Hakenes irritiert über Marienbild

Anne Hakenes, Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Münster, räumte ein, dass manches an „Maria 2.0“ sie gestört und verunsichert habe. „Ich persönlich konnte mit Ihrem Marienbild gar nichts anfangen“, kritisierte Hakenes. Außerdem habe sie mit dem Wort „Streik“ gefremdelt, weil sie den Gottesdienst und die Gemeinschaft brauche. „Frauen dürfen allerdings nicht immer in der zweiten Reihe stehen“, sagte die SkF-Vorsitzende. „Sie müssen endlich mindestens den Diakonat haben.“

Andrea Qualbrink, Referentin für Personalentwicklung im Bistum Essen, ergänzte, der Missbrauchsskandal sei für viele der Anlass, das auszusprechen, was sie nicht aushalten könnten. „Es ist erbärmlich, dass es dafür einen solchen Anlass braucht“, bemängelte Qualbrink. Inhaltlich gehe es jetzt um den Kern von Kirche. „Wir sind das Volk Gottes!“, rief die Theologin aus. „Wir müssen neue Traditionen anfangen, neue Spielräume nutzen und ausprobieren, neue Aufgaben, Ämter und Dienste entwickeln.“

Jochen Reidegeld: Wir sind an der Abbruchkante

Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster, hob hervor, dass „Maria 2.0“ für ihn ein Ausdruck berechtigter Sorge und ein Ausdruck von Loyalität sei, rief aber auch dazu auf, nicht in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen, sondern sich um Differenzierung zu bemühen und die Diskussion offen zu halten. „Auch Bischof Felix Genn darf seine Meinung einbringen“, fügte Reidegeld, der meist nur lauen Beifall erhielt, hinzu. Man müsse auch das zur Kenntnis nehmen, was das Bistum Münster im Hinblick auf die Missbrauchsopfer bereits auf den Weg gebracht habe.

Außerdem habe die Kirche heute nicht mehr die autoritären Strukturen und den Klerikalismus der 50er Jahre. „Wir sind aber an einer wirklichen Abbruchkante“, räumte Reidegeld ein. „Wenn es uns nicht gelingt, einen Dialog zu führen, in dem beide Seiten aufeinander hören, werden wir auch noch die Mitte der Kirche verlieren.“ Reidegeld und Messing gaben andererseits zu bedenken, dass zu weit gehende Schritte auch eine Spaltung in die Weltkirche bringen könnten.

„Macht abzugeben, scheint schwierig“

Mehrere Podiumsteilnehmer forderten darüber hinaus, den Pflichtzölibat auf die Tagesordnung der Kirche zu bringen. „Die Sicherung des Heils durch eine bestimmte Gruppe von Menschen war ein Fehlweg“, mahnte Gabriel. „Wirklich Macht abzugeben scheint mir aber in der Kirche sehr schwierig zu sein.“ In Zukunft jedoch müsse es zu einer klaren Macht- und Gewaltenteilung kommen.