In St. Viktor ist eines der ältesten Schlagwerke in Europa zu sehen

Schläge für Katharina und Martha im Xantener Dom

Silvester – um Mitternacht treffen sich das alte und neue Jahr. Es ist der Abend, an dem man die Vergangenheit Revue passieren lässt und die kommenden Tage und Wochen in den Blick nimmt. Es ist der Abend, an dem man die Zeit, am liebsten wenigstens für einen Augenblick, festhalten möchte.

Stunde, Tage und Wochen sind oft eng getaktet, ohne Pausen hecheln wir den Terminen hinterher. Wir sind in ein enges Zeitkorsett eingepfercht. Wir orientieren uns anhand unserer Armbanduhren oder Smartphones. Und nur wenn wir intensiv in uns selbst hineinhören, erspüren wir unseren inneren Rhythmus.

„Das war für den spätmittelalterlichen Menschen ganz und gar nicht so, er wusste um seine Endlichkeit, und er konnte seine täglichen Pflichten nicht durch eine zeitgerechte, pünktliche Lebensführung steigern“, schreibt Klauspeter Stams aus Recklinghausen in seiner Abhandlung über die Geschichte der Turmuhr.

Geburtsstunde der Uhr

Vor dem 13. Jahrhundert waren der Sonnenaufgang, der Sonnenuntergang und die Tagesmitte bestimmend. Erst als der Mensch den Lauf der Gestirne nachvollziehen konnte, war er in der Lage, die Zeit einzuteilen. Diese Einteilung hatte für den mittelalterlichen Menschen und alle Kulturvölker große Bedeutung. Indem er den Lauf der Gestirne beobachtete, hatte er die Möglichkeit, die immer wiederkehrenden Zyklen als Zeitperioden vorherzusehen.

Nach Stams war das die Geburtsstunde der Uhr. „Die Uhren waren der innige Wunsch des Menschen, eine Zeitfolge oder einen Gestirnlauf künstlich, sozusagen im ›selbst gefertigten Modell‹ zu erkennen“, so Stams.

Der Anfang der Turmuhren

Die älteste mechanische Turmuhr ist in der Kathedrale von Exeter in England zu finden. Ende des 14. Jahrhunderts wurden nach Stams Recherchen in Städten wie Augsburg (1364), Frankfurt (1372), Wien (1380) oder Köln (1385) ebenfalls Turmuhren gebaut. Diese Turmuhren waren Schlaguhren, die nicht die Zeit über ein Zifferblatt mit Zeigern, sondern über Glockenschläge verkündeten.

Das alte Uhrwerk von 1554 gehört zu den ältesten Schlagwerken in Deutschland. Es wurde 2012 von Dieter Goldschmidtböing (links) aus Bocholt restauriert. Josef Schröer (vorne rechts, mit Johannes Schubert, Chef der Dombauhütte) dokumentierte die Arbeit in e
Das alte Uhrwerk von 1554 gehört zu den ältesten Schlagwerken in Deutschland. Es wurde 2012 von Dieter Goldschmidtböing (links) aus Bocholt restauriert. Josef Schröer (vorne rechts, mit Johannes Schubert, Chef der Dombauhütte) dokumentierte die Arbeit in einem 80-seitigen Buch. | Foto: Dombauhütte Xanten

Die Aufteilung der Zeit in Temporalstunden, eine von den Römern übernommene Einteilung in zwölf gleiche Tagstunden von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und in zwölf gleiche Nachtstunden, führte zu wechselnden Stundenlängen. Denn im Sommer sind die Tagstunden länger als im Winter. Erst im 14. Jahrhundert wurden die 24 Stunden in gleiche Länge eingeteilt.

Durchgesetzt hat sich die Einteilung auf dem Zifferblatt in zwölf gleich lange Stunden, das in der Nacht die Nachtstunden und am Tag die Tagstunden angibt. Dieses Stundenzifferblatt war nur mit dem Stundenzeiger versehen.

Auch im Xantener Dom hielt die technische Neuerung der Schlaguhren bereits im 14. Jahrhundert Einzug. Bursen- und Baurechnungen belegen ab 1376, dass der Glöckner Salomon erstmalig gegen Bezahlung die Schlaguhr regulierte. Bis 1554 wurden die Schlaguhren im Dom immer wieder repariert oder erneuert.

Noch heute ist im Viktor-Dom die Uhr von 1554, die 2012 restauriert wurde, zu besichtigen. „Über dem südlichen Laufgang des Südturmes steht noch an seiner alten Stelle im tonnengewölbten Raum ein Uhrwerk, das den Stundenzeiger des gemalten Zifferblattes im südlichen Westchorflügel, innen, über dem Laufgang und das Schlagwerk der danebensitzenden kleinen Glocke betrieb“, schreibt Walter Bader in seinem Buch über den Xantener Dom.

Besonderes Schlagwerk

Diese von Bader beschriebene Uhr steht immer noch an derselben Stelle – mit dem Einstundenzeiger, der mit einer Glocke gekoppelt ist, und mit dem Zifferblatt im südlichen Westchorflügel. Der Glockenschlag der Xantener Domuhr ist seit 1554 ein ganz außergewöhnlicher Schlag. Er wird durch das Halbstunden-Schlagwerk mittels einer besonderen Schlossscheibe gesteuert. Diese außergewöhnliche „Xantener Schlagfolge“ lässt sich nur schwer beschreiben.

Das neue Turmuhrwerk von 1927 brachte eine große Erleichterung für den Küster. Er musste jetzt nicht mehr täglich zur Uhr aufsteigen, um das Werk aufzuziehen. | Foto: Dombauhütte Xanten
Das neue Turmuhrwerk von 1927 brachte eine große Erleichterung für den Küster. Er musste jetzt nicht mehr täglich zur Uhr aufsteigen, um das Werk aufzuziehen. | Foto: Dombauhütte Xanten

„Man muss das Schlagen einfach hören“, erläutert Josef Schröer in seinem Buch über die Turmuhr am Xantener Dom. Schröer hat in Bocholt ein Museum mit Turmuhrwerken, Turmbekrönungen und Glockenspielen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit gegründet.

Nicht nur die Zahl der Schläge zu den Halbstundenzeiten spiele eine Rolle, sondern auch die wechselnden Tonhöhen der beteiligten Glocken, so Schröer. Alternierend betätigt das Werk den Hammer der kleinen Glocke Katharina und den Hammer der größeren Stundenglocke Martha. Die Gesamtzahl der Schläge nennt die folgende ganze Stunde. Um 6.30 Uhr schlägt das Werk sieben Mal, nämlich die Zahl der folgenden Stunde: Katharina – Martha – Katharina – Martha – Katharina – Martha – Katharina.

1927 wurde ein neues Schlagwerk eingebaut, da die Genauigkeit des altes Werkes zu wünschen übrig ließ. Alle technischen Neuerungen wurden in das Turmuhrwerk eingebaut. Die außergewöhnliche Schlagfolge von 1554 wurde jedoch übernommen.