Pausen-Angebot für Schüler der Anne-Frank-Gesamtschule

Schüler in Havixbeck treffen sich im adventlichen Bauwagen

Der Heizlüfter bollert, der Duft vom heißen, alkoholfreien Weihnachtspunsch hängt in der Luft, Kerzen schaffen Atmosphäre. Alles ist hergerichtet für den gemütlichen Adventskaffee. Gleich wird es in der benachbarten Gesamtschule zur ersten großen Pause klingeln. Und die Schüler werden kommen. Weil sie sich aufwärmen wollen. Weil die Kekse und heißen Getränke sie locken. Vor allem aber kommen sie, um zu quatschen.

Das tun sie in einem Bauwagen viel lockerer als in der Kirche oder im Pfarrheim, weiß Pastoralassistent Christoph Schulte. „Es ist ein Raum, der zu ihnen und ihrer Lebensphase passt – nicht durchgestylt und starr, sondern unsortiert und in Bewegung.“ Deshalb hat er sich das Gefährt von einer Kindereinrichtung geliehen. Deshalb hat er ihn in Sichtweite der Dionysius-Kirche neben dem Schulhof der Anne-Frank-Schule aufgestellt. Deshalb sitzt er dort jetzt jeden Tag im Advent mit Theologiestudentin Anne Wortmann von neun bis 12.30 Uhr und wartet.

Kekse sind beliebt

Etwas früher als erwartet klingeln heute die Glöckchen an der Türklinke. „Na, da habt ihr mit dem Unterricht aber recht früh Schluss gemacht“, begrüßt Schulte die ersten Gäste. Zwei Zehntklässler lassen sich auf einer Bank nieder und mit Kinderpunsch der Marke „Schneemännchen“ versorgen. Auch die Spekulatius sind beliebt. Nachdem die Pausenglocke geläutet hat, füllt sich der Wagen weiter. Insgesamt 16 Schüler kommen heute, alle Sitzplätze sind belegt.

Bauwagen-Atmosphäre
Volles Haus: In der ersten großen Pause haben 16 Schüler im Bauwagen Platz genommen. | Foto: Michael Bönte

Schulte ist auch der Religionslehrer einiger Schüler. So wie im Bauwagen kann er sich im Klassenraum aber nicht mit ihnen unterhalten. „Hier gibt es keine Noten und keinen Lehrplan – hier gibt es erst mal nur einen gut beheizten Ort zum Abhängen.“ Ein „Wartezimmer“, wie es auf dem großen Schild vor der Tür steht. Die Jugendlichen warten auf ihre Art, auch im Advent. „In dieser einfachen Umgebung fühlen sie sich wohl“, sagt Anne Wortmann. „Hier können sie nichts kaputtmachen, sich richtig hinfläzen.“

Die Temperatur steigt

Die Spekulatius sind schnell weg. Die Fenster beschlagen, die Raumtemperatur steigt merklich an. Schon nach wenigen Minuten bitten die ersten Gäste um Punsch-Nachschub. Etwa sechs Liter werden am Ende des Tages über die Kochplatte gegangen sein.  Schulte hat einen „Sinnfragen-Kombinator“ mitgebracht. Der Papierblock fügt aus einzelnen Satzteilen zufällig Fragen zusammen. „Ist Gerechtigkeit wichtig?“, liest er vor. „Die Welt ist ungerecht“, sind sich einige Schüler einig. „Nur dass am Ende alle Menschen sterben müssen, ist gerecht“, finden andere. „Ist es deshalb wichtig, dass es einen Gott gibt, der Gerechtigkeit schafft?“, fragt Schulte weiter. „Klar“, sagen die Schüler. „Man darf sich aber nicht einfach darauf verlassen, sondern selbst auch etwas dafür tun.“

Treffen vor dem Bauwagen
In Sichtweite der Kirche, direk nebem dem Schulhof: der Bauwagen als „Wartezimmer“ im Advent. | Foto: Michael Bönte

Der Bauwagen ist bei allem „Chillen“ kein Raum ohne Inhalt. Das wird deutlich. „Ich nenne es mal ein begleitetes Abhängen“, sagt Schulte. Dabei schlägt er kein Gebetbuch oder die Bibel auf. „Wir treffen hier junge Menschen, die vor großen Entscheidungen stehen.“ Wie geht es nach der Schule weiter? Wo stehe ich im Leben? Wo will ich hin?

Der Bauwagen ist in seinen Augen ein passendes Symbol: „Wir wollen mit den Schülern etwas bauen und dabei in Bewegung bleiben.“ Dafür erst einmal nur einen Raum zu Verfügung zu stellen, ist für Schulte wichtige christliche Aufgabe. „Alles, was zur Identitätsbildung der Jugendlichen beiträgt, sollten wir mitmachen.“

„Glaube macht Spaß“

Viele weitere Fragen spuckt der „Sinnfragen-Kombinator“ in der großen Pause noch aus. Es geht um Trump, die AfD, Demokratie. Es geht aber auch konkret um Glauben. Schulte zeigt auf ein Bild, auf dem ein lachender Jesus zu sehen ist. „Was sagt euch das?“, fragt er. „Dass Glaube Spaß machen kann“, finden die Schüler.

Dann aber müssen sie sich wieder auf den Weg in den Unterricht machen. Einige nutzen den Bauwagen noch kurz als Sichtschutz vor den Lehrern, um heimlich eine Zigarette zu rauchen. Zwei Oberstufenschüler kommen, um ihre Freistunde im Wagen zu verbringen. „Ich würde auch lieber hier bleiben“, sagt der 16-jährige Christoph Gottschalk, er jetzt zum Englisch-Unterricht muss. „Hier ist es einfach schön, ich kann durchatmen.“