Friedensschule: Sieben Landespreisträgerinnen am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Schülerinnen aus Münster forschen zu religiösen Konflikten

Gläubig und schwul – was bedeutete das vor 50 Jahren für einen Münsteraner?“, fragte sich Hannah Klute von der Friedensschule, der bischöflichen Gesamtschule. Ein anderes Thema: Als nach dem Krieg evangelische Vertriebene zu Tausenden ins katholische Münsterland  strömten, entwickelte sich ein System der Apartheid. Das stellten Ronja Vollmari, Hannah Kalvelage und Celina Boss fest. Dies sind zwei von fünf Arbeiten, für die Schülerinnen der Friedensschule beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ausgezeichnet wurden.

„Gott und die Welt“ ist das Thema des diesjährigen Wettbewerbs, an dem bundesweit 5000 Schülerinnen und Schüler teilnahmen. Im Juli wurden auf Landesebene die Preisträger geehrt. Allein 69 kommen aus Nordrhein-Westfalen, 27 Siegerteams davon aus Münster. Zwölf Siegerbeiträge sind an bischöflichen Schulen in Münster entstanden – fünf allein an der Friedenschule. Alle Arbeiten wurde von einer Fachjury für preiswürdig befunden. Sie gehen nun in die zweite Runde: Bis zum Herbst werden aus den Landessiegern die Bundessieger ermittelt.

„Doch schon jetzt haben die Schülerinnen viel gelernt“, sagt Christoph Heeke, Geschichtslehrer an der Friedensschule. Er koordiniert den Wettbewerb und stand den Forscherinnen mit Rat zur Seite. „Das Thema ›Gott und die Welt‹ musste zunächst heruntergebrochen werden. Jede Arbeit braucht einen lokalen oder persönlichen Bezug“, erläutert Heeke.

Katholisch und schwul?

Hannah Klute beschäftige sich  mit dem Wertekonflikt eines gläubigen homosexuellen Münsteraners. „Mein lokaler Ansatz ist die Homosexuellen-Demo am 29. April 1972 in Münster. Sie war die erste der Art in Deutschland.“ Die Schülerin hat ein Theaterstück verfasst. Ein strenggläubiger Mann steht in den 1970er Jahren, als homosexuelle Handlungen strafbar sind, vor zwei sich ausschließenden Alternativen: seinen Glauben in der Kirche oder seine Liebe zum Partner zu leben. Klute spielt im Stück beide Entscheidungsstränge konsequent durch.

Als nach 1945 die ersten evangelischen Flüchtlinge aus dem Osten nach Westfalen kamen, wurden sie systematisch ausgegrenzt. Das stellten Ronja Vollmari, Hannah Kalvelage und Celina Boss in ihrer Gemeinschaftsarbeit fest. Zehn Zeitzeugen haben sie interviewt. Sie schauten sich auch die Lage an einer münsterschen Schule an:  „Die Kinder wurden im hintersten Teil des Gebäudes untergebracht, wo sie den katholischen Schülern nicht begegnen konnten“, berichtet Ronja Vollmari: „Es gab unterschiedliche Eingänge, unterschiedliche Toiletten, unterschiedliche Pausenzeiten. Man lebte in Parallelwelten.“ Aus ihren Recherchen entwickelten die Forscherinnen eine „Kollektivbiographie mit typischem Lebenslauf“ und stellten Ähnlichkeiten zur Situation heutiger Flüchtlinge fest.

Recherchen über den Urgroßonkel

Ihr Urgroßonkel August Wessing war für Johanna Tiemann ihr persönlicher Ansatz. Wessing war Geistlicher in Hoetmar gewesen und im KZ Dachau gestorben. Die Schülerin interessierte sich vor allem für die Frage, in welcher Konkurrenz die katholische Konfession und die weltanschauliche Ersatzreligion der Nazis standen. Nicht bei prominenten Widerständlern wie Kardinal von Galen, sondern bei der „niederen“ Geistlichkeit. „Mein Ansatz ist die soziologische Konkurrenz-Theorie. Es geht im Konflikt darum, wer die höhere Stellung oder die Alleinherrschaft in der Gesellschaft behält.“

In die Reformationsgeschichte tauchte die 18-jährige Trixi Steil ein. Ihr Thema ist Bernhard Rothmann, Prediger in St. Mauritz, das im 16. Jahrhundert vor den Toren Münsters lag, und ab 1532 Hilfsprediger an der Stadtkirche St. Lamberti.  Der Katholik Rothmann habe sich nach einer Begegnung mit dem Schweizer Reformator Zwingli von der neuen religiösen Bewegung angezogen gefühlt und reformatorisches Gedankengut  gepredigt. „Er hat Münster auf die Wiedertäufer vorbereitet“, sagt die Schülerin. „Durch ihn sind Jan van Leiden und Bernd Knipperdolling erst auf die Stadt aufmerksam geworden.

Landespreisträgerin Luzie Glade hat über ihren Ururgroßvater Karl Schlüter (1877-1947), evangelischer Pastor in Braunschweig-Wendeburg, geforscht. „Viele Menschen beschönigen ihre Familiengeschichte während der Nazizeit. Ich habe mich gefragt: Ist das in meiner Familie auch so?“

Der Pastor und die Hakenkreuzfahne

Glade interviewte die beiden Enkelinnen von Schlüter, 75 und 77 Jahre alt. Ihnen zufolge habe der Pastor die Aufstellung einer Hakenkreuzfahne in der Kirche verhindert und sei deswegen von einem Gemeindemitglied angezeigt worden. Viele weitere Details grub die Schülerin aus und überprüfte die Überlieferungen anhand von Quellen im Landeskirchlichen Archiv Wolfenbüttel.

„Das Aktenstudium ergab, dass es eine Anzeige nie gegeben hat und der Pastor die Hakenkreuzfahne zwar angenommen, aber nicht aufgestellt hat“, sagt sie. Zu Anfang habe ihr Ururgroßgroßvater gegen die Nazis gepredigt. „Je länger  die Nazizeit dauerte, hat er  aber resigniert und von Fall zu Fall entschieden. Manchmal angepasst, manchmal kritisch“, sagt sie.