Zentralrat der Juden begrüßt Öffnung der Vatikan-Archive zu Papst Pius XII.

Schuster will Klärung: Warum schwieg die Kirche zum Holocaust?

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, setzt große Hoffnungen in die bevorstehende Öffnung der Vatikan-Archive zur Amtszeit von Papst Pius XII. (1939-1958). Bis heute seien viele Fragen zum Wirken dieses Papstes offen und würfen einen dunklen Schatten auf das jüdisch-christliche Verhältnis, sagte Schuster am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt. Schuster fragte: „Wie erklärt sich das große Schweigen der katholischen Kirche zum Massenmord an den Juden während der Schoah? Welche Rolle spielte der Papst bei der Rettung der römischen Juden?“

Unklar sei auch, inwieweit das katholische Kirchenoberhaupt NS-Täter nach dem Krieg bei ihrer Flucht über die sogenannten Rattenlinien unterstützt habe. So bezeichnet man die Fluchtrouten von Nationalsozialisten nach Südamerika am Ende des Zweiten Weltkriegs. Unter anderen soll der KZ-Arzt Josef Mengele auf diesem Weg nach Argentinien gereist sein. Schuster sagte, von der Öffnung der vatikanischen Archive erhoffe er sich mehr Klarheit. „Die katholische Kirche sollte neue Erkenntnisse zum Anlass nehmen, sich deutlich zu ihrer Verantwortung zu bekennen.“

Bischof Neymeyr: Zeit und Geld sind nötig

Der Vatikan öffnet am 2. März vorzeitig seine Archive zur Amtszeit von Pius XII. (1939-1958). Dies wurde von der Forschung seit Jahren verlangt.

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hofft nach eigenen Worten, dass nach der Sichtung des Archivmaterials genügend Zeit und Geld für die Aufarbeitung zur Verfügung stünden, „um die Geschichte korrekt schreiben zu können“. Ein Grundsatz der Geschichtsforschung laute: „Man muss die Menschen immer aus ihrer Zeit heraus verstehen und darf sie nicht im Nachhinein beurteilen, wenn man weiß, wie die Dinge sich entwickelt haben“, so Neymeyr. Er ist in der Deutschen Bischofskonferenz Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum.

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der wesentlich an der Aufarbeitung der Archivbestände in Rom beteiligt ist, warnte vor „vorschnellen Urteilen und sensationellen Meldungen“. Allen Skeptikern, die von der Öffnung der Archive Pius' XII. nichts Neues erwarteten, wolle er in Erinnerung rufen, wie viel die Öffnung der Bestände von Papst Pius XI. gebracht habe - „allen Unkenrufen zum Trotz“, so Wolf in Frankfurt.