Erzbistum München beklagt massive Kontrollen und geistlichen Missbrauch

Schwere Vorwürfe gegen „Integrierte Gemeinde“

Ehemalige Mitglieder der Katholischen Integrierten Gemeinde (KIG) haben schwere Vorwürfe gegen die Gemeinschaft erhoben. Unter anderem geht es um die Kontrolle über Privatleben und Kontaktpersonen, die Trennung von Kindern von ihren Eltern sowie um wirtschaftliche Ausbeutung.

Wie ein Sprecher des Erzbistums München und Freising am Freitag bestätigte, sind die Vorwürfe Gegenstand einer kirchenrechtlichen Untersuchung, die bis zum Jahresende abgeschlossen sein soll. Die Katholische Integrierte Gemeinde lehnte eine Stellungnahme mit Verweis auf die laufende Visitation ab.

Erzbistum: KIG verweigert jede Kooperation

Nach Angaben des Bistumssprechers verweigert die KIG bisher jede Kooperation mit den am 14. Februar beauftragten Visitatoren. Als öffentlicher kirchlicher Verein sei sie jedoch dazu verpflichtet. „Sollte sie sich dem weiterhin entziehen, werden wir entsprechende Schritte einleiten, die bis zur Auflösung der KIG reichen können“, sagte der Sprecher auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Laut einem Zwischenbericht der Visitatoren, der KNA vorliegt, zeigen die Vorwürfe „über weite Strecken den Charakter von geistlichem Missbrauch“. Unter anderem seien Kontakte zur Herkunftsfamilie unterbunden sowie Kinder von ihren Eltern getrennt und wechselnden Personen überantwortet worden. „Beziehungen und Ehen wurden gestiftet und getrennt, je nachdem, ob dies der Gemeindeversammlung für das Gemeindeleben förderlich erschien. Die Gemeindeversammlung entschied darüber, ob und wann ein Ehepaar Kinder bekommen durfte oder sollte.“

Vorwurf: System totaler Abhängigkeit

Das Papier schildert ein System psychischer und finanzieller Abhängigkeit, in dem Widerspruch als Sünde gegen den Heiligen Geist dargestellt, Sanktionen auf Familienangehörige ausgedehnt und private Einkünfte für Gemeindezwecke beansprucht worden seien. Die Visitatoren stützen ihren Bericht auf Gespräche mit 18 ehemaligen Mitgliedern der KIG. Deren Aussagen hätten sich „überwiegend auf die Zeit vor dem Jahr 2012“ bezogen.
Bereits im Jahr 2000 sprach laut dem Zwischenbericht ein internes Dokument der Bistumsleitung von „Missbrauch des Bußsakraments“ in der Gemeinschaft. Ein kirchenrechtliches Gutachten 2004 habe zudem „rechtserhebliche Mängel beim Ausschluss von Mitgliedern“ dargelegt.

Wirtschaftliche Unklarheiten

Einer Einladung zu zwei „Versöhnungstreffen“ mit Ehemaligen 2016 und 2018 seien keine aktiven Mitglieder der KIG nachgekommen, heißt es weiter. Der Verein habe gegenüber dem Erzbistum bisher „jeden inhaltlichen Kontakt und Auskünfte zur heutigen Situation verweigert“. Nach 2010 sei für neugewählte Leitungsspitzen keine Bestätigung durch den Erzbischof mehr eingeholt worden. Auch die wirtschaftliche Situation der Integrierten Gemeinde und der Verbleib von Erträgen aus Unternehmens- und Immobilienverkäufen sei unklar.

Ratzinger und Degenhardt waren Unterstützer

Die 1948 von dem Ehepaar Traudl und Herbert Wallbrecher gegründete Gemeinschaft galt zeitweise als einer der hoffnungsträchtigsten Aufbrüche in der katholischen Kirche. Sie will nach eigener Darstellung „ein Ort für ein aufgeklärtes und unverkürztes Christentum“ sein. Ihre Aufgaben finanziere sie „in privater Initiative“ selbstständig und unabhängig. Zentren der Gemeinde wurden deren Tagungshaus im oberbayrischen Urfeld am Walchensee, Einrichtungen in München und Bad Tölz sowie die Akademie Villa Cavalletti bei Rom.

1978 wurde die Integrierte Gemeinde von den damaligen Erzbischöfen in Paderborn und München – Johannes Joachim Degenhardt und Joseph Ratzinger - kirchlich anerkannt und 1985 als öffentlicher Verein nach dem katholischen Kirchenrecht errichtet. Sie zog namhafte Theologen wie den Ratzinger-Schüler Ludwig Weimer und die Neutestamentler Gerhard Lohfink und Rudolf Pesch (1936-2011) als Mitglieder an.