Diakon Rolf Faymonville im Interview

Seelsorger bilanziert Olympia: Soziale Gegensätze spürbar

Diakon Rolf Faymonville aus dem Erzbistum Köln hat sich – gemeinsam mit einem evangelischen Pfarrer – bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro als Seelsorger um die Mitglieder des deutschen Teams gekümmert. Im Interview zieht er Bilanz der Spiele.

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Diakon Rolf Faymonville aus dem Erzbistum Köln hat sich – gemeinsam mit einem evangelischen Pfarrer – bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro als Seelsorger um die Mitglieder des deutschen Teams gekümmert. Im Interview zieht er Bilanz der Spiele, die am Sonntag (21.08.2016) zu Ende gehen. Er berichtet von beeindruckenden Begegnungen, belastenden Ungerechtigkeiten – und vom Unfalltod eines deutschen Kanu-Trainers.

Wie fällt Ihre Olympia-Bilanz aus?

Die Spiele in Rio waren von großer Spannung, aber auch von Gegensätzen geprägt. Manche Erwartungen in sportlicher Hinsicht wurden enttäuscht, andere weit übertroffen. Was die sozialen Fragen angeht, so konnte man hier – wie selten zuvor bei Olympia – die großen Kontraste zwischen Arm und Reich sehen. Die Lebenswirklichkeit der Olympia-Teilnehmer hat sich völlig vom Alltag der einheimischen Bevölkerung unterschieden.

Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

An einem Morgen waren wir zum Beispiel zu Besuch in einer Favela. Dort leben Menschen unter Bedingungen - das kann man sich kaum vorstellen. Abends stand dann ein Botschafterempfang auf dem Programm. Dieser eklatante Kontrast hat viele Athleten sehr berührt. Und es wirkt auf die Menschen hier ungerecht, wenn sie mit dem Linienbus auf zwei Spuren im kilometerlangen Stau stehen, während die Olympia-Spuren leer sind und nur ab und zu ein Auto mit einer wichtigen Person dort entlangfährt. Das sind alltägliche Belastungen, die wir auch erlebt haben.

Wie hat sich der Unfalltod des Kanu-Trainers Stefan Henze auf die deutsche Mannschaft ausgewirkt?

Das war natürlich für uns alle ein großer Schock. Mein evangelischer Seelsorge-Kollege Thomas Weber und ich haben im Hintergrund vor allem diejenigen unterstützt, die sich während des gesamten Aufenthalts der Familie direkt um die Angehörigen gekümmert haben. Nicht zuletzt DOSB-Chef Michael Vesper, ein Mitarbeiter vom Auswärtigen Amt, eine Mannschaftspsychologin und ein Arzt standen der Familie intensiv zur Seite. Wir haben insbesondere mit Sportlern und Trainern über das Unglück gesprochen. Es war eine große Betroffenheit spürbar.

Diakon Rolf Faymonville.
Diakon Rolf Faymonville. Foto: Privat

Wie haben Sie die Gedenkfeier im Olympischen Dorf erlebt?

Wir haben alle zusammen eine sehr würdige Gedenkfeier am Gedenkstein für die verstorbenen Athleten gestaltet. Die Anteilnahme seitens der Sportlerinnen und Sportler war extrem groß.

Wie verarbeiten Sie persönlich belastende Erfahrungen wie den Tod Henzes oder die Zustände in den Favelas?

Mir helfen Gebete und bewusste Begegnung. Die Offenheit und das Lachen der Favela-Kinder machen es erträglich, all das Leid und Elend zu sehen, mit dem sie täglich zu tun haben. Zuversicht spendet auch die großartige Arbeit, die vor Ort vom katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat geleistet wird.

Was waren für Sie die freudigsten Erlebnisse?

Faymonville: Mehrere Sportler haben sich mit ihren Leistungen selbst übertroffen. Dann diese Freude zu sehen, das ist schon toll, ebenso die Begeisterung des Publikums in Brasilien. Was ich auch als sehr positiv erlebt habe, ist die Zusammenarbeit mit meinem evangelischen Kollegen. Wir sind fast immer als Zweierteam aufgetreten, mit "Jesus in der Mitte" – wie die Apostel, die Jesus auch zu zweit ausgesendet hat.

Ist Ihnen eine Begegnung besonders in Erinnerung geblieben?

Beeindruckend war sicherlich die Begegnung mit einem jungen Mann, der sich als "geschulter Atheist" vorstellte. Doch statt in den Fahrstuhl zu steigen, auf den er gerade wartete, begann er selbst ein Gespräch über Kirchenthemen und ließ den Aufzug mehrfach weiterfahren. Bewegend fand ich auch das Anliegen eines Olympia-Teilnehmers, der mich einen Tag vor seinem Wettkampf um Gottes Segen bat. Das war ihm als Rückendeckung sehr wichtig

Welche Rolle spielte das Thema Doping?

Bei einigen Sportarten gibt es ein großes Ungerechtigkeitsgefühl. Manche Sportler sagen, dass man teilweise gar keine Chance auf eine Medaille hat, wenn Doping in bestimmten Ländern als normal gilt und diesbezüglich sogar ein Unrechtsbewusstsein fehlt. Andererseits hängen auch in Deutschland Fördermittel von Medaillenerfolgen ab. Das belastet diese Sportarten sehr. Ich würde mir wünschen, dass sich da etwas ändert.

Was wünschen Sie den Menschen in Rio für die Zeit nach Olympia?

Trotz der derzeit guten Stimmung bleibt eines klar: Rio braucht etwas anderes und vor allem mehr als Olympia. Die ganze Welt, die hier vertreten war und diese wunderbare Stadt mit ihren Menschen erlebt und genossen hat, sollte einen Beitrag zu einer positiven Entwicklung leisten.

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