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Eine Seligsprechung, die erst abgesagt wurde und jetzt wieder angesetzt ist, wirft Fragen auf, sagt Philosoph Godehard Brüntrup.
1953 nahm ein katholischer Bischof in New York einen Emmy entgegen, den Preis für die herausragendste Fernsehpersönlichkeit des Jahres. Bei der Verleihung dankte er seinen vier Autoren: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Gemeint ist Bischof Fulton Sheen. Er war das Gesicht der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten. Sein wöchentlicher Auftritt gilt bis heute als die erfolgreichste religiöse Fernsehsendung aller Zeiten. Er hatte keine Gäste und keine Musik, nur eine Tafel. Bis zu 20 Prozent aller Amerikaner schalteten ein, längst nicht nur Katholiken. Am 24. September wird Sheen in St. Louis seliggesprochen, in einem Stadion, in dem 1999 Johannes Paul II. die Messe feierte.
Sheens Radio- und Fernsehkarriere reichte von 1930 bis 1968. Er verteidigte dabei zwei Überzeugungen. Als promovierter Philosoph sah er zwischen Glauben und Vernunft keine Kluft. Und der amerikanischen Kirche warf er vor, institutionell gut aufgestellt, spirituell aber unterentwickelt zu sein.
Seligsprechung plötzlich abgesagt
Der Autor
Godehard Brüntrup ist Jesuit und Philosoph. Er lehrte in München und unterrichtet regelmäßig in St. Louis (USA). Sein Denken ist geprägt von der Prozessphilosophie, die das Werden und die Veränderung ins Zentrum stellt.
Ein bitterer Konflikt mit dem New Yorker Kardinal Francis Spellman über einen Missionsfonds führte dazu, dass Sheen 1966 aus New York verbannt wurde. Das beendete auch seine Medienkarriere. So geriet er scheinbar in Vergessenheit, obwohl sich Rom in dem Konflikt hinter ihn gestellt hatte. Er lebte zurückgezogen in einem Apartment und sprach von einem Prozess der Läuterung.
2002 wurde sein Seligsprechungsverfahren eingeleitet. Zunächst ging alles glatt, 2019 kündigte der Vatikan die Feier der Seligsprechung bereits mit Termin an. Keine drei Wochen vorher wurde sie abgesagt, ohne offizielle Begründung. Es gab Geheimnistuerei und Indiskretionen. Die Bitte kam wohl aus Rochester, wo Sheen drei Jahre Bischof gewesen war. Die New Yorker Staatsanwaltschaft prüfte damals gerade, ob Bischöfe im Umgang mit Missbrauch Recht und Gesetz beachtet hatten. Rom wartete sechs Jahre. Im März 2026 wurde der neue Termin verkündet, wieder ohne genaue Begründung.
Entscheidung im Stillen
Die Prüfung war richtig. Dass eine Seligsprechung heute auch nach der Amtsführung fragt, verdanken wir zwanzig Jahren schmerzhafter Berichte. Nur konnte der Prüfung niemand zusehen. Beide Male entschied die Kirche im Stillen, beide Male erfuhr die Öffentlichkeit die Gründe aus undichten Stellen. Sheens Autorität beruhte darauf, dass hinter jedem Satz ein Mensch stand, den man befragen konnte. Eine Kirche, die im Zwielicht entscheidet und sich den Fragen nicht stellt, fällt selbst von dem Sockel, auf den sie ihre Seligen stellt.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.