THEOLOGIE

Sexualmoral: Generalvikar Pfeffer fordert „radikale Kulturveränderung“

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Der Essener dachte mit dem Moraltheologen Jochen Sautermeister über das Verhältnis der Kirche zur Sexualität nach. Zu welchen Schlüssen sie kommen.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer und der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister haben eine grundlegende Erneuerung der Sexualkultur in der katholischen Kirche angemahnt. In einem Beitrag für das kürzlich erschienene „Handbuch Sexualität – Sexuelle Gesundheit – Sexualkultur“ sprechen sie sich dafür aus, Sexualität und Pflichtzölibat neu zu denken.

Die bisherige Orientierung an einer „Asexualität als Ideal“ solle aufgegeben werden. Die zölibatäre Lebensform sei grundsätzlich als „Charisma“ zu verstehen, Sexualität müsse als Teil von „Identität und Integrität“ anerkannt werden, schreiben die beiden Theologen.

Paradoxien und Widersprüche zwischen Lehre und Leben

Für eine solche Neuausrichtung sei eine „radikale Kulturveränderung“ erforderlich, die in den Gemeinden, Bistümern und Ortskirchen beginnen müsse. Zunächst gelte es, „mit Paradoxien und Widersprüchen zwischen offizieller Lehre und gelebter Wirklichkeit leben zu können, und auch zu dürfen“, so Pfeffer und Sautermeister. Langfristig müssten sich nach ihrer Auffassung sowohl Lehren als auch kirchliche Strukturen verändern.

Die beiden Theologen hinterfragen die traditionelle Sexualmoral der Kirche, die sie als historisch gewachsen und zeitbedingt beschreiben. Die moderne Theologie erinnere hingegen daran, dass sich Gott durch Jesus Christus in den Menschen „inkarniert“ habe und „Fleisch geworden“ sei. Daraus folge eine positive Sicht auf den menschlichen Körper. „Der Mensch ist Körper, Leib und Geist – und als Ganzes ist er Ebenbild Gottes“, heißt es in dem Beitrag. Sexualität sei daher nicht bloß Mittel zur Fortpflanzung oder ein Risiko, sondern besitze einen eigenen Wert.

„Ein kurzer Streifen Unendlichkeit zu zweit“

Eine erneuerte Sexualmoral bedeute nach Auffassung von Pfeffer und Sautermeister keine „Verabschiedung von Normen“. Vielmehr gehe es darum, „die eigenen Ungewissheiten zu reflektieren und sie nicht in fiktive Gewissheiten umzuwandeln“, zitieren sie die Theologin Regina Ammicht Quinn. Liebe und Sexualität seien von Mehrdeutigkeiten geprägt, die ausgehalten werden müssten.

Als Leitlinien einer christlichen Sexualethik nennen Pfeffer und Sautermeister unter Rückgriff auf die Ordensfrau Margaret A. Farley „Unversehrtheit, Einvernehmlichkeit, Gegenseitigkeit, Gleichheit, Verbindlichkeit, Fruchtbarkeit und Soziale Gerechtigkeit“. Sexualität könne zudem eine über das Individuum hinausweisende Begegnung sein, die „echtes Miteinander“ ermögliche. Diese habe „sakramentale Qualität“ und könne als „greifbares Symbol des Heils“ verstanden werden. Als „ein kurzer Streifen Unendlichkeit zu zweit“, zitieren sie den Theologen Daniel Bogner.

Priesterausbildung als zentrale „Bewährungsprobe“ 

Deutliche Kritik üben Pfeffer und Sautermeister am Pflichtzölibat. „Dies kirchlichen Amtsträgern grundsätzlich vorzuenthalten und noch dazu den Verzicht auf Sexualität religiös zu überhöhen, ist problematisch und muss hinterfragt werden“, schreiben sie. Gott habe das „Leben mit Körper, Leib und Seele als ein ganzes Geschenk“ allen Menschen überlassen.

Deshalb sehen die beiden Theologen die Priesterausbildung als zentrale „Bewährungsprobe“ für die Sexualkultur der katholischen Kirche. Sie solle die sexuelle Gesundheit und Integrität angehender Priester stärken. Zugleich warnen Pfeffer und Sautermeister vor einer „Spiritualisierung von Sexualität“, die psychosexuelle Reifungsprozesse behindern könne. Statt eines überhöhten Priesterideals brauche es einen realistischen Umgang mit Mehrdeutigkeiten und menschlichen Grenzen. Ohne einen Wandel der kirchlichen Sexualkultur sei das nur schwer möglich.

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