Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - von Pater Abraham Fischer OSB

Sichtweisen (3): ROHSTOFFE

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Manchmal geschieht das: dass uns etwas in einer Tiefe anrührt, die überwältigt. Woher kommt diese Kraft? Und was will sie uns sagen?

„Das ist der Stoff aus dem die Träume sind…“ Wir meinen damit Situationen, die uns nicht loslassen, weil sie uns zuinnerst berührt haben. Wir wünschen uns Dauer des Schönen und Guten. Da wir das vom Alltag nicht mehr erwarten, wächst die Sehnsucht, dass wenigstens die Traumwelt unsere Vergänglichkeit aufbewahrt. 

Traumstoffe sind darüber hinaus aber auch so etwas wie eine Quintessenz, die dem Dasein zugrunde liegt. Sie sind zugrundeliegende Urstoffe, die wir nicht mehr explizit wahrnehmen. Wir spüren sie aber in der Kraft, die sie ausströmen.

Geschenke aus der Natur für unseren Alltag

Das haben die Traumstoffe mit dem materiellen Rohstoff gemeinsam: Sie sind so etwas wie eine Essenz, die in eine Aktualität gebracht wird. Rohstoffe kommen direkt aus der Natur. Sie sind Geschenke, die Menschen in Form bringen, um den Alltag zu verändern. 

Man nennt sie auch Urstoffe. Es sind die Baumwollgespinste, die wir ernten und zu Fäden verspinnen. Diese werden dann zu einem Gewebe verflochten, das uns kleidet und schützt.

SICHTWEISEN
Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke - das sind die “Sichtweisen”, die einmal in der Woche ins Nachdenken bringen wollen, Welten eröffnen, Leben entdecken, Gott suchen helfen. Menschenlebensnah und gottverbunden. Jeder Monat wird von einer Autorin oder einem Autoren textlich gestaltet; die Redaktion von Kirche+Leben sucht zu dem jeweiligen Stichwort frei ein Foto.

“Tabula rasa” und die Seele eines Kindes

Das Wort „roh“ bedeutet unbehandelt, unverändert, so viel wie ursprünglich. In diesem Sinn sind wir Menschen einander immer Rohstoffe und unser Zusammensein verändert uns. 

Es kommt dabei darauf an, wie wir uns treffen. Wir sprechen davon, dass die Seele eines Kindes eine „tabula rasa“ sei. Das ist die geglättete Wachstafel der Römer, in die die Zeichen geritzt werden. 

Vergeben heißt Zeichen zu überschreiben

Wir Menschen sind in unserem Beginn Rohstoffe und wir prägen einander, fügen uns entweder Kratzer zu oder zeichnen einander aus. Das Muster dieser Prägungen wird unsere Individualität. 

Menschen, die vergeben können, vermögen es, Zeichen zu überscheiben, die Muster zu ergänzen und darin heil und ganz zu werden. Sie bleiben dem Urstoff verbunden.

An der Schwelle zwischen Traum und Wachsein

„Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als heiliges Altargerät.“ (RB 31,10) Der Hinweis der Benediktsregel kann uns in diesen Gedanken eine weitere Ebene öffnen. Allen Dingen liegt ein Urstoff zugrunde. Er durchströmt sie und zeichnet sie aus. Das ist der tiefste Grund des Daseins, den wir nur mehr erahnen können. Er tritt im Tun hervor: Wenn wir in Achtsamkeit und Ehrfurcht leben, lösen sich die Grenzen des Profanen und des Sakralen auf, das meint auch die Schwelle zwischen Traum und Wachsein. 

Die Welt wird eins, weil die Wirklichkeit der Essenz manche Irrealität des Konkreten befruchtet. Heil und Heilig fallen zusammen, Schwerkraft und Gnade bedingen einander.

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