Ingrid vom Felde ist Kriseninterventions-Helferin der Malteser im Landkreis Vechta

Sie hilft über den ersten Schock hinweg - ehrenamtlich

„Wir müssen ihnen mitteilen, dass es einen tödlichen Unfall gegeben hat, bei dem ihr...“ Ingrid vom Felde hat diese Worte schon oft gehört. Meist steht sie dann in ihrer roten Malteserjacke hinter dem Polizisten mit der Hiobsbotschaft. Sobald der amtliche Auftrag erledigt ist, übernehmen sie und ihre Kollegen vom Kriseninterventionsteams (KIT) der Malteser für den Landkreis Vechta.

Angehörigen nach einer Todesnachricht beizustehen – das zählt zu den Hauptaufgaben dieser speziell ausgebildeten ehrenamtlichen Helfer. Sie wissen, was Menschen in Extremsituationen nach Schicksalsschlägen, Unfällen, Bränden oder Gewalterfahrungen hilft.

Die Helferinnen und Helfer bleiben so lange wie nötig

Ruhe und Sicherheit Ausstrahlen zum Beispiel. Ingrid vom Felde erklärt: „Wir sagen Sätze wie: ,Es ist in Ordnung, dass Sie jetzt so zittern‘. Oder: „Sie dürfen ruhig weinen.“ Die Helfer wissen: Gerade in den ersten Stunden erleben Betroffene starke Gefühlsreaktionen und Hilflosigkeit. Deshalb bleiben sie erst mal so lange bei ihnen, bis sie sich stabilisiert haben. Meistens werden es ein bis zwei Stunden, manchmal dauert es auch viel länger.

Wie kürzlich auf der Raststätte Dammer Berge. Ein Autofahrer aus Holland war an einem Herzinfarkt verstorben. Die verzweifelte Witwe stand völlig allein da. Die Helfer betreuten sie, bis die Kinder sie abholen konnten.

Nach dem ersten Schock reagiert jeder anders


Zuwendung zeigen zu können,  ist wichtig für die Helferinnen und Helfer. | Foto:Malteser (Timo Lutz)

Immer wieder erlebt Ingrid vom Felde, wie unterschiedlich Betroffene reagieren. Sie denkt an ihren ersten Einsatz vor gut acht Jahren. Ein junger Vater hatte gerade vom plötzlichen Kindstod seines Babys erfahren. Er fing an, den Garten zu hacken und Unkraut zu zupfen. Sie wusste: „Das war eine Reaktion, die ihm in dem Moment gut tat.“

Manchmal beginnen Menschen auch als erstes damit, für alle Kaffee zu kochen. „Das kann ein gutes Zeichen sein“, erklärt Ingrid vom Felde, „weil Aktivität dabei hilft, sich langsam wieder zu stabilisieren“. Wichtig ist: Die Menschen sollen selbst etwas tun. „Es geht uns nicht darum, ihnen Dinge abzunehmen, sondern sie in die eigene Handlungsfähigkeit zu bringen.“

Das Kriseninterventionsteam ist ständig in Bereitschaft

Meist fordern Rettungsdienst oder die Polizei ein KIT-Team an. Wenn ihr Smartphone klingelt, geben die Helfer Rückmeldung über die Tastatur: „1“ heißt: „Ich kann sofort“, „2“: „Ich kann in etwa dreißig Minuten“ und „3“: „Ich kann nicht.“ Schnell wird dann klar, welches Team sich auf den Weg macht.

Unter ihren ehrenamtlichen Kollegen finden sich Menschen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen: Bankangestellte, Erzieher, Rettungssanitäter, ein Spirituosenhersteller und ein Ingenieur zum Beispiel. Aber auch evangelische und katholische Seelsorger und der Vorsteher einer muslimischen Gemeinde gehören dazu.

Das Motto: „Mitfühlen, nicht mitleiden“

Ingrid vom Felde selbst ist Heilpraktikerin In Visbek. Die Berufsausbildung hilft ihr auch im Ehrenamt. Besonders dabei, die nötige innerliche Distanz zu den oft schwierigen Situationen zu wahren. Ihren Grundsatz bringt sie auf die Formel: „Mitfühlen, aber nicht mitleiden.“

Nicht immer geht es bei den Einsätzen nur um ein paar Betroffene. Die Helferin berichtet von einem voll besetzten Ferienlager-Bus. Der Fahrer hatte auf der Autobahn einen Herzinfarkt erlitten. Einem Betreuer auf dem Beifahrersitz war es irgendwie gelungen, das Fahrzeug zum Stehen zu bringen.

Manchmal ist die Erfahrung der Mutter gefragt

Kurz danach standen die jungen Fahrgäste auf einem Rastplatz, viele immer noch unter Schock. Bei diesem Einsatz war auch das Fingerspitzengefühl der Mutter zwei erwachsener Söhne gefragt. Ein kleiner Junge zum Beispiel saß ängstlich da. „Dem habe ich gesagt: Ja, Ihr wart in Lebensgefahr. Aber schaut doch mal, wie gut euer Betreuer das gemacht hat.“

Die einzige Angst eines anderen Kindes war, dass seine Mutter nun vergeblich an der vereinbarten Abholstelle warten würde. „Da haben wir sie angerufen.“ Wieder ein anderer sagt: „Wir müssen jetzt erst mal alle aufs Klo.“ Ingrid vom Felde nickt verständnisvoll. „Klar, wenn man Angst hat, muss man Pipi.“ Also haben die Helfer auch das organisiert.

Die Helferin erlebt den Dienst selbst als Geschenk

Der Dienst sei ihre Art, Nächstenliebe zu leben, sagt sie. „Ich mache unglaublich gerne Geschenke. Und dies ist mein Geschenk an die Gesellschaft.“ Aber auch sie selbst erlebt die Arbeit oft als Geschenk. Sie erzählt von der alten Dame, deren Mann morgens tot im Bett gelegen hatte.

„Sie wollte meine Hand gar nicht mehr loslassen und sagte: ,Die ist so schön warm‘“. Und später: „Kommst mich mal wieder besuchen?“ Ingrid vom Felde lächelt. Sie erinnert sich gerne an diesen Moment.

Ihr Hund hilf nach Einsätzen beim Runterkommen

Und woran erkennen die Helfer, dass sie sich nach einem Einsatz wieder zurückziehen können? „Zum Beispiel daran, dass wir spüren, dass die Betroffenen wieder selbst handeln können. Oder wenn das soziale Netz aktiviert ist, also Kinder, Freunde oder Nachbarn da sind.“

Und wie findet sie selbst nach einem Einsatz wieder zur Ruhe? „Wenn ich spüre, dass ich zu durcheinander bin, das Einsatz-Protokoll zu schreiben, nehme ich meinen Hund zu einem Spaziergang mit raus. Danach bin ich meistens wieder klar.“ Für sie sind solche Hunde-Spaziergänge eine andere Form von Gebet: „Ich bitte dann: Hilf mir, mich zu sortieren.“ Manchmal muss sie zweimal rausgehen. „Aber es funktioniert immer.“

 

 

So werden die Helfer ausgewählt und ausgebildet
Wer mitmachen will, muss mitfühlend sein und zugewandt sein. Das sind Grundvoraussetzungen. Johannes Meyer erklärt, woran Interessierte noch feststellen können, ob das Mitmachen in einem Kriseninterventions-Team (KIT) wie dem der Malteser vielleicht etwas für sie wäre: „Wer in einer schwierigen Situation gespürt hat: Ich kann für andere dann eine Hilfe sein, der könnte möglicherweise der Richtige für diesen Dienst sein“, sagt der Referatsleiter Psychosoziale Notfallversorgung und Leiter des Kriseninterventionsteams im Landkreis Vechta.
Allein Gefühl und Interesse reichen aber nicht aus, um irgendwann einmal die rote Jacke mit dem Schild „Krisenintervention“ tragen zu dürfen, auch nicht das Mindestalter von 25 Jahren. Die Verantwortlichen der Malteser suchen die Bewerber sorgfältig aus, etwa in einem Auswahlgespräch vorab. „Dabei geht es zum Beispiel darum, Erwartungshaltungen abzuklären“, sagt Johannes Meyer. Was erwartet mich? Wals kann ich einbringen? Solche Fragen. Die Malteser nennen diese Phase „Passungsprozess“.
Als Hospitanten bei Krankentransporten oder im Rettungsdienst schaut sich der Referatsleiter die Kandidaten dann gerne noch einmal in der Praxis an. „Ob sie erkennen können, wo ihre Hilfe gefragt ist.“
Es folgen ein Erste-Hilfe-Kurs, eine Fahrer-Schulung und grundsätzliche Einführungen in Ziele und Grundsätze des Malteser-Hilfsdienstes. Beim anschließenden viertägigen Basiskurs „Psychosoziale Notfallversorgung“ geht es dann zum Beispiel um angemessene Kommunikation, Stressverhalten, Verarbeitung von schwierigen Situationen.
Erfolgreiche Absolventen werden weiterempfohlen für ein achttägiges Aufbau-Seminar. Dabei arbeiten sie an Fallbeispielen, bevor sie in einer nächsten Stufe gemeinsam mit erfahrenen Helfern erstmals selbst bei Einsätzen dabei sein dürfen. Am Ende dieses Ausbildungs-Prozesses absolviert jeder eine Prüfung mit praktischen, schriftlichen und mündlichen Anteilen. Die Malteser arbeiten dabei eng zusammen mit dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.
Das Angebot ist gefragt. Im Jahr 2000 hatten die Malteser im Landkreis Vechta damit begonnen, Ehrenamtliche für diesen Dienst auszubilden. Als 2004 das Angebot startete, wurden sie fünfmal angefordert. In diesem Jahr zählten die Malteser allein bis November schon fast 70 Einsätze. Im Moment gehören 28 Frauen und Männer zum Team. Dazu zählen evangelische und katholische Christen und auch der Vorsitzende einer islamischen Gemeinde.