Unfehlbar, reich und schwerkrank?

Sieben Vorurteile gegen den Papst: Was ist da dran?

 Abgestempelt, in Schubladen gesteckt: das ist bequem, schadet aber dem Miteinander. In unserer Serie gehen wir Vorurteilen auf den Grund und konfrontieren Betroffene damit. Heute mit Papst-Experte Bernd Hagenkord.

Vorurteil 1: Alles, was der Papst sagt, ist unfehlbar.

Theologisch stimmt das nicht. Unfehlbar im strengen Sinn sind nur ganz wenige Aussagen. Die Päpste haben überhaupt erst eine einzige solche Aussage getroffen. Allerdings ist der Papst der Souverän der Kirche, er hat – wie die Theologen sagen – das Jurisdiktionsprimat, er hat das Sagen in der Kirche. Das ist nicht ganz eindeutig auseinander zu halten, sodass der Eindruck, er sei unfehlbar, nicht ganz falsch ist.
Nicht alles, was er sagt, ist automatisch Glaubenswahrheit, zumal es Papst Franziskus nicht darum geht, solche absoluten Wahrheiten zu verkünden, sondern mit den Menschen einen Glaubensweg zu gehen. Das ist viel spannender. Wenn man da mit Unfehlbarkeit kommt, verpasst man sehr viel bei diesem Papst.

Vorurteil 2: Der Papst spricht viel von Armut, ist aber selbst superreich!

Superreich stimmt nicht. Und er selber schon mal gar nicht. Dass der Vatikan über Geld verfügt, ist klar. Er hat Häuser und Wohnungen in Rom, mit denen etwa Priesterseminare in Teilen der Welt finanziert werden, wo die Bistümer dafür kein Geld haben. Andererseits – Stichwort Finanzskandale – geht da auch eine ganze Menge schief, und es sind Summen im Spiel, da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Reich würde ich sagen: nein.

Unorganisiert ist der Vatikan in der Hinsicht schon. Das Geld soll eigentlich vor allem den Armen und dann der Kirche zukommen und nicht in Skandalen versenkt werden. Reich ist der Papst nicht. Leider tut der Vatikan alles, um das Gegenteil zu behaupten.

Vorurteil 3: Papst Franziskus redet viel von Reformen, setzt aber selbst nichts um.

Bernd Hagenkord.
Der aus Ahlen (Kreis Warendorf) stammende Jesuit Bernd Hagenkord war zehn Jahre lang verantwortlich bei Radio Vatikan tätig. Seit 2019 ist er Oberer in München. | Foto: privat

Auch da muss man mit „Ja, aber“ antworten. Es ist eben sehr mühsam. Experten für Organisationsentwicklung wissen, dass sich keine Institution selbst reformieren kann. Aber genau das probiert die Kirche gerade, und der Papst ist da auch sehr weit gekommen. Nun ist Franziskus kein Mensch, der in Strukturen denkt, sondern in Personen. Das mag uns auf der Nordhalbkugel fremd vorkommen, aber so denkt er halt. Dass der aktuelle Finanz-Skandal aus dem Vatikan selber ans Licht geholt wird, ist ja auch ein Erfolg – so schlimm das alles ist. Ein Teil seiner Reform funktioniert, aber da ist noch ordentlich Weg zu gehen.

Vorurteil 4: Dieser Papst hat mit Liturgie nicht viel am Hut.

Das Gegenteil ist der Fall. Er nimmt Liturgie sehr ernst – und sich selber sehr zurück. Er hat geradezu Angst davor, im Gottesdienst zum Tausendsassa zu werden. Bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz ist das etwas völlig anderes. Da strahlt er, umarmt und winkt. In der Liturgie steht Jesus Christus im Mittelpunkt, und Franziskus tut alles, um sich selbst zurückzunehmen. Da scheint er manchmal griesgrämig dreinzublicken, aber er will nunmal kein Schauspieler sein.

Vorurteil 5: Dem Papst ist das Leben der Menschen wichtiger als Theologie und Kirchenrecht.

Er schätzt Theologie und Kirchenrecht durchaus, auch wenn er manchmal in meinen Augen zu flapsige Bemerkungen darüber macht. In seiner Sicht der Dinge ist Gott eben Mensch geworden und nicht Kirchenrecht. Das heißt nicht, dass man alle Regeln wegreden darf. Aber das eine muss dem anderen dienen.

Vorurteil 6: Franziskus hat nur einen Lungenflügel und ist eigentlich schwer krank.

Das ist er ja schon seit 65 Jahren. Als Jugendlicher hatte er eine Lungenentzündung, nach der ihm ein halber Lungenflügel entfernt werden musste. Dreiviertel der Lunge sind also noch da. Das merkt man manchmal, wenn er spricht, dass ihm die Luft ausgeht. Aber das geht schon seit seiner Jugend so.  Er ist nicht der Gesündeste, aber ich muss schon sagen: Manch ein Jüngerer, der die Belastung seiner Aufgabe tragen müsste, würde da gesundheitlich in die Knie gehen.

Vorurteil 7: Im Vatikan hat Papst Franziskus eine mächtige Lobby konservativer Kräfte gegen sich.

Ich halte die Bezeichnung „konservativ“ für falsch. Der Papst selber ist konservativ, weil er etwas bewahren will – nämlich die Botschaft Jesu Christi für die Welt. Er ist zugleich sehr fortschrittlich, weil er neue Ideen hat. Die ganze Gegenüberstellung von konservativ hier und fortschrittlich da funktioniert nicht. Natürlich gibt es Leute, die mit ihm nicht einverstanden sind. Es gibt Kardinäle, die ihm versteckt oder auch gar nicht versteckt Lüge vorwerfen. Ja, das stimmt. Ob die stark sind, wage ich zu bezweifeln. Ob das eine einheitliche Front ist, wage ich auch sehr zu bezweifeln. Sehr, sehr viele im Vatikan, die ich kennengelernt habe, arbeiten sehr gut und sehr freudig mit an dem, was dieser Papst vorhat. Die anderen sind vielleicht lauter, aber beileibe nicht die Mehrheit.