„Wir wollen bei den Zuhörern innere Bilder erschaffen“

So bereitet sich eine Bibelerzählerin vor

Wer kennt sie nicht: biblische Geschichten wie die Hochzeit zu Kana, die Heilung des blinden Bartimäus oder – aus dem alten Testament – vom Auszug der Hebräer aus Ägypten. Moses im Körbchen auf dem Wasser, Kain und Abel, David und Goliath, der Turmbau zu Babel und die Arche Noah: Geschichten über Geschichten, oft gehört, modern interpretiert, kindgerecht illustriert. Und jetzt auch von ausgebildeten Bibelerzählern auf neue unterhaltsame Art und Weise präsentiert.

Auf dem Katholikentag in Münster konnten die Gläubigen sich davon überzeugen: Gleich zehn Bibelerzähler waren in und um die St.-Ludgeri-Kirche herum im Einsatz und zogen die Leute in ihren Bann.

In die Figuren hineinversetzen

Eine von ihnen war Ingrid Albers aus Telgte, 63 Jahre alt und von Beruf Krankenschwester. Sie arbeitet in einem Hospiz. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich schon lange mit biblischen Geschichten.

Erste Erfahrungen sammelte sie bei der Organisation von Kinderbibelwochen. „Dabei muss man die Geschichten so erzählen, dass die kleinen Zuhörer sich in die Figuren hineinversetzen können“, erklärt Albers.

„Weißes Feuer entzünden“

Genau das ist der Dreh- und Angelpunkt beim Bibelerzählen. „Wir wollen die Menschen emotional erreichen, Identifikationsmöglichkeiten bieten und so bei den Zuhörern innere Bilder erschaffen.“

Warum hat die Mutter von Moses ihr Kind ausgesetzt? Was ging in ihr vor? Wie hat sich David im Kampf gegen Goliath gefühlt? Diese Herangehensweise nennen Bibelerzähler „weißes Feuer entzünden“. Sie knüpfen dabei an die jüdische Schriftauslegung an, in der davon die Rede ist, dass die Bibel in schwarzem und weißem Feuer geschrieben sei. Das schwarze Feuer bezeichnet die geschriebenen Worte. Das weiße Feuer ist der Raum dazwischen, also das, was zwischen den Zeilen steht.

Kurs in Bestwig

Während es also etwa bei Lesungen auf rationaler Ebene um das geschriebene Worte geht, begeben sich die Bibelerzähler auf eine andere, emotionale Ebene. Dabei wolle niemand eine Methode gegen die andere abwägen, betont Albers. Die Vorgehensweisen ergänzten sich.

Um Bibelerzähler zu werden, muss man eine Ausbildung absolvieren. Entsprechende Kurse bietet zum Beispiel das Bergkloster Bestwig im Sauerland an. Ausbilder ist Pastor Dirk Schliephake vom Michaeliskloster Hildesheim. In mehreren Wochenendseminaren lernen die Interessenten bei ihm, biblische Geschichten so aufzubereiten, dass sie sie später ansprechend vortragen können.

Aktuelle Bezüge und Blick auf die Zielgruppe

Dann üben die angehenden Bibelerzähler noch eine Zeit lang in Regionalgruppen. Danach ist jeder auf sich gestellt. Eine offizielle Prüfung gibt es nicht. Das Feedback der Zuhörer zeigt dem Bibelerzähler, ob er seine Sache gut gemacht hat oder nicht.

Um sich auf einen Einsatz vorzubereiten, setzt Albers sich zunächst mit der Frage auseinander, wer genau sie eingeladen hat. Seniorengruppe, Kindergarten, Frauengruppe oder Chor? Welche Geschichten könnten die Zuhörer besonders interessieren? Lassen sich aktuelle Bezüge herstellen?

Anfangs halfen Karten

Dann erarbeitet sie sich die Geschichten. Dazu zeichnet sie einzelne Episoden aus den Geschichten auf kleine Karten. Anfangs habe sie diese Karten bei ihrem Vortrag als Gedächtnisstütze verwendet, erinnert sie sich. Heute ist das nicht mehr nötig. „Wenn ich mir die Geschichte mit Hilfe der Karten erarbeitet habe, ist sie in meinem Kopf.“

Dann weiß die Bibelerzählerin auch, welche Schwerpunkte sie bei dem jeweiligen Einsatz setzen will. Das ist von Fall zu Fall verschieden und setzt sowohl Einfühlungsvermögen als auch Spontanität voraus. Erfahrung tut ein übriges: Albers ist seit vier Jahren als Bibelerzählerin aktiv. „Da wird man mit der Zeit immer lockerer“, so die Telgterin.

In der Regel bereitet sie pro Einsatz mehrere Geschichten vor, so dass ihr Programm circa eine Stunde dauert. Es kann auf Wunsch aber auch weniger sein. Dabei versucht sie, die Zuhörer zum Teil auch mit Musik und Liedern emotional mit ins Geschehen einzubinden.
Mal ist sie Erzählerin, mal Schauspielerin, die in eine Rolle hineinschlüpft. Auf jeden Fall aber ist sie immer mit dem Herzen dabei. Ihr Engagement ist kostenlos. Lediglich eine Aufwandsentschädigung sollte gezahlt werden.