Vor 30 Jahren brach Erzbischof Lefebvre mit Rom

So leben Seminaristen der traditionalistischen Piusbrüder

Feiner Nebel umwabert das 200-Seelen-Dorf Zaitzkofen. Drei Kinder warten an der überdachten Haltestelle. Der Schulbus fährt um 6.39 Uhr; sonst gibt es nicht viele Möglichkeiten, das Nest nahe Regensburg ohne eigenes Auto zu verlassen. Es ist still hier, sehr still.

Nur in der gelben Schlosskapelle, hinter dem schmiedeeisernen Zaun, herrscht geschäftiges Treiben. Knapp 50 Männer strömen nach der Morgenmesse in die Sakristei. Alle tragen eine lange, schwarze Soutane, am Hals den weißen Priesterkragen. Sie sind Angehörige der traditionalistischen Priesterbruderschaft Pius X. Im Schloss von Zaitzkofen befindet sich ihr internationales Priestersemina

Der Tag der Seminaristen ist durchgetaktet; freie Zeit ist deutlich knapper als in einem regulären Priesterseminar. Nach dem Morgengebet um 6.30 Uhr folgt die Messe, nach altem Ritus. Sie gleicht einer perfekt einstudierten Choreographie: jede Kopfbewegung, jeder Schritt synchron. Der Zelebrant steht mit dem Rücken zum Kirchenraum am Altar; er spricht Latein, meist leise. Keine Predigt, dafür Weihrauch.

Marcel Lefebvre wacht als Wandgemälde

Eine Handvoll Gottesdienstbesucher aus dem Dorf verschwindet nach der Messe im Nebel. Die Piusbrüder eilen über den Hof zum Seminargebäude, die ausgetretenen, knarzenden Treppen hinauf zum Frühstück. Das erste Mahl des Tages wird schweigend eingenommen. Gründer Marcel Lefebvre (1905-1991) wacht lächelnd von einem Wandgemälde im Speisesaal über seine essenden Männer.

Erzbischof Marcel Lefebvre, Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., am 30. Juni 1988 in Econe. | Foto: KNA
Erzbischof Marcel Lefebvre, Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., am 30. Juni 1988 in Econe. | Foto: KNA

Michal Frej sieht ein bisschen müde aus. Lange ist er noch nicht in Zaitzkofen. Zufällig sei der 26-Jährige aus einer polnischen Kleinstadt auf die Alte Messe gestoßen, dann auf die Piusbrüder. Schließlich habe er beschlossen, dort einzutreten. Früher hat er Mathematik studiert, war dabei zu promovieren. Ein Widerspruch seien Naturwissenschaft und Priestertum in seiner Biografie nicht: „In der Mathematik ist alles sehr logisch, klar und einfach. Es gibt nur eine Wahrheit. So denke ich auch. Es gibt eine Realität, eine Welt, ein Leben für mich, und das möchte ich gut leben.“

Die heutige Welt sei krank; die Menschen lebten nicht moralisch, findet Frej. Sie bräuchten den Glauben, um gerettet zu werden. Dabei möchte er ihnen helfen. Weil er ein gutes traditionelles Seminar besuche, könnten er und seine Mitseminaristen den Glauben besser erfassen - und so den Menschen besser helfen als so manch anderer Priester.

Es gibt keinen Fernseher

30 Seminaristen aus neun Nationen leben und lernen derzeit in Zaitzkofen. Gesprochen wird ausschließlich Deutsch. Unterricht am Vor- und Nachmittag, dazwischen immer wieder Gebete, eine Messe am Morgen und am Abend. Außerdem Vorträge, mehrfach in der Woche, um 20.15 Uhr, zur besten Sendezeit. Fernseher gibt es ohnehin nicht, Internet nur begrenzt, und Musik kommt allenfalls aus der Stereoanlage in einer Schrankwand, Eiche rustikal. Freizeit ist rar, und sie soll gemeinsam verbracht werden: mit Sport, Spaziergängen oder einem Ausflug in den nächsten Ort.

Sechs Jahre dauert die Ausbildung. Die Abbruchquote liegt bei ca. 50 Prozent; manche gehen schon im ersten Jahr. Am Nachmittag ist wieder Zeit zu lernen. An vier Tagen der Woche pauken die Seminaristen Fremdsprachen. Nicht Englisch oder Französisch, sondern Latein, Griechisch und Hebräisch, in Räumen mit mannshohen Kruzifixen an der Wand. Wer keinen Sprachunterricht hat, zieht sich zurück und lernt allein, bis zum Rosenkranzgebet um 18.30 Uhr.

Weltweit noch drei Bischöfe

Während die meisten anderen Seminaristen noch büffeln, ist Johannes Regele auf der Zielgeraden. Lange schon wollte der 37-Jährige aus Österreich Priester werden. Nur wo, wusste er nicht. Nach 13 Jahren als zölibatär lebender Laie beim Opus Dei und einem Studium der Molekularbiologie entschied er sich für die Piusbrüder. Am 30. Juni wird er zum Priester geweiht: dem 30. Jahrestag der unerlaubten Bischofsweihen Lefebvres. Dann dürfte er, mit Erlaubnis von Papst Franziskus, auch offiziell das Bußsakrament spenden und (mit Zustimmung des Ortsbischofs) an katholischen Trauungen mitwirken.

Piusbruderschaft:
Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1969 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) gegründet. Sie lehnt viele Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ab. Streitpunkte sind vor allem Liturgie, Religionsfreiheit und Ökumene. Die Piusbruderschaft sieht sich als Bewahrerin der Tradition der „Heiligen Römischen Kirche“. Seit Ende 2009 gab es im Vatikan mehrere Gesprächsrunden mit Vertretern der Bruderschaft über strittige Lehrfragen. Im Frühjahr 2012 kam der Prozess ins Stocken. Im September 2015 erklärte Papst Franziskus überraschend, er „vertraue darauf, dass in naher Zukunft Lösungen gefunden werden können“.(KNA)

 

Ein Schritt, mit dem der Vatikan auf die Piusbrüder zugegangen ist. Zu einer Einigung hat er aber bislang nicht geführt. Auf mittlere Sicht werden sie neue Bischöfe brauchen, für ihre Priesterweihen und somit den Fortbestand der Bruderschaft. Nach dem Ausschluss des Holocaust-Leugners Richard Williamson - ein Skandal, der 2009 mit einem TV-Interview in Zaitzkofen begann - verfügt die Bruderschaft weltweit noch über drei Bischöfe. Der jüngste von ihnen, der Generalobere Bernard Fellay, hat gerade sein 60. Lebensjahr vollendet.

Einzig wahrer katholischer Glaube

Auch wenn es noch immer keine volle kirchenrechtliche Anerkennung der Priesterbruderschaft gibt: Die zwei Seminaristen sind überzeugt, den einzig richtigen Weg zu gehen: den der Kirche und der Päpste vor dem Konzil; den von früher. Sie sehen sich als Kämpfer für den wahren katholischen Glauben - also den der Zeit vor 1962.

Ein Gong ertönt. Die Piusbrüder in ihren schwarzen Soutanen eilen wieder in die Schlosskapelle. Punkt 21 Uhr, das Nachtgebet. Die Dunkelheit neigt sich über den Ort und das Schloss. Quietschend schließt sich das Tor des Seminars, versperrt den Weg hinein und heraus. Ein Traktor rumpelt über die Straße, dann ist es wieder still im Dorf.