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Faire Woche vom 10. bis 24. September - Gespräch mit Matthias Fiedler

So steht es um den Fairen Handel in Deutschland

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Der Faire Handel in Deutschland erfreute sich jahrelang wachsender Beliebtheit. Doch die Corona-Pandemie sorgte für einen kräftigen Umsatzrückgang. Um für die fairen Produkte zu werden, findet vom 10. bis 24. September zum 20. Mal die Faire Woche statt. Was die Handelspartner mit der Aktion erreichen wollen und was Verbraucher machen können, um den Fairen Handel zu unterstützen, erklärt Matthias Fiedler, Geschäftsführer des Forums Fairer Handel, im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“.

Der Faire Handel hat im Jahr 2020 einen Umsatzrückgang hinnehmen müssen. Woran lag es?

Ja, nach über einer Dekade im Aufwind hat der Faire Handel 2020 in Folge der Pandemie erstmalig einen Umsatzrückgang hinnehmen müssen. Im Geschäftsjahr 2020 wurden in Deutschland 1,8 Milliarden Euro zu geschätzten Endverbraucherpreisen mit Produkten aus Fairem Handel umgesetzt. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Minus von 2,9 Prozent. Ursächlich dafür sind vor allem Lockdown-bedingte Einbußen im Außer-Haus-Bereich - also in gastronomischen Betrieben, Messen und Festivals -, geringere Absätze einzelner Produkte, vor allem Textilien, sowie einem geringeren Absatz in den Weltläden infolge von Lockdowns und leeren Innenstädten.

Die Politik schließt einen erneuten Lockdown aus. Schauen Sie deshalb wieder optimistisch in die Zukunft?

Ja, das ist ein Aspekt, der uns optimistisch stimmt. Ein weiterer ist, dass die Weltläden und Fair-Handels-Unternehmen in Deutschland in der Pandemie nicht nur ihre Solidarität mit den Handelspartnern im Globalen Süden unter Beweis gestellt haben, sondern sich hierzulande auch gegenseitig unterstützt haben. So konnten Kund*innen beim Einkauf im Online-Shop von El Puente, der Gepa oder den Welt-Partnern beispielsweise ihren Stamm-Weltladen angeben, damit dieser trotz Schließung die handelsübliche Verkaufsmarge erhielt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie flexibel die Fair-Handels-Szene auf die ungewöhnliche Situation reagiert hat. Was die Verbraucher*innen betrifft, sind wir sehr zuversichtlich, dass sie ihr Vertrauen in den Fairen Handel in Zukunft noch verstärkt durch ihre Kaufentscheidungen unter Beweis stellen. Die Verbraucher*innen-Befragung zum Fairen Handel 2021 zeigt, dass sich der Anteil der Käufer*innen fair gehandelter Produkte seit der ersten Erhebung 2009 stetig erhöht hat.

Welche fairen Produkte sind echte Verkaufsschlager? Bei welchen Waren sehen Sie noch Luft nach oben?

Matthias Fiedler
Matthias Fiedler ist Geschäftsführer des Forums Fairer Handel und kämpft für die Einhaltung von Menschenrechten. | Foto: Forum Fairer Handel

Das umsatzstärkste Produkt im Fairen Handel war auch das erste, nämlich der Kaffee. Fair gehandelter Kaffee hat in Deutschland mittlerweile einen Marktanteil von 6,4 Prozent erreicht. Bei Bananen liegt der Marktanteil bereits bei 17 Prozent. Generell liegt der Marktanteil fairer Lebensmittel gemessen am Gesamtumsatz mit Nahrungsmitteln in Deutschland jedoch noch bei unter einem Prozent. Es ist also generell noch ganz viel Luft nach oben, doch dafür muss sich auch im Lebensmitteleinzelhandel eine Menge tun. Vor allem das faire Kunsthandwerk hat in der Pandemie schwer gelitten, was für betroffene Handelspartner im Globalen Süden dramatisch ist. Da hoffen wir sehr auf frischen Wind in diesem Jahr.

Vom 10. bis 24. September findet zum 20. Mal die Faire Woche statt. Welche Ziele verfolgen Sie mit ihr?

Organisiert wird die Faire Woche vom Forum Fairer Handel in Kooperation mit dem Weltladen-Dachverband und Fairtrade Deutschland. Weltläden, Schulen, Fairtrade-Initiativen, Kirchengemeinden, Gastronomiebetriebe und viele weitere Akteure laden bei mehr als 1.500 Veranstaltungen dazu ein, den Fairen Handel und seine Akteure kennenzulernen. Unser Ziel ist es, noch mehr Menschen in Deutschland darüber zu informieren, wie der Faire Handel wirkt und sie dafür zu begeistern. Der Fokus 2021 und 2022 liegt auf dem Schutz von Menschenrechten weltweit und dem Beitrag des Fairen Handels dazu.

Können Verbraucher über den Kauf von Produkten des Fairen Handels hinaus noch etwas machen, um die Produzenten zu unterstützen?

Informationen zur Fairen Woche sind unter www.faire-woche.de abrufbar. Zum Fairen Handel generell sind Informationen unter www.forum-fairer-handel.de erhältlich.

Natürlich, und zwar indem sie sich als Bürger*innen dafür engagieren, den Welthandel gerechter und nachhaltiger zu gestalten oder für mehr Klimagerechtigkeit streiten. Sie können sich an Initiativen beteiligen, die in diesem Sinne Druck auf die Politik ausüben und ihr persönliches Umfeld ebenfalls auf diesem Weg mitnehmen. Als politische Bewegung bietet auch der Faire Handel vielfältige Möglichkeiten für ein solches Engagement.

Im Moment kämpfen Sie für die Einhaltung der Menschenrechte entlang der Lieferketten. Sehen Sie Fortschritte und welche neuen Ziele streben Sie an?

Die Lieferketten unserer Alltagsprodukte sind häufig komplex und spannen sich über den gesamten Globus. Bei ihrer Herstellung werden immer wieder Menschenrechte verletzt und die Umwelt zerstört. Auch deutsche Unternehmen sind an Menschenrechtsverletzungen oder Umweltverschmutzungen im Ausland beteiligt oder profitieren finanziell davon. Deswegen werten wir das im Juni 2021 verabschiedete Lieferkettengesetz als ersten Schritt in die richtige Richtung. Nun gilt es, auf EU-Ebene für ein starkes Lieferkettengesetz zu streiten, denn – wie in Deutschland bereits geschehen – droht auch hier eine Schwächung des geplanten Gesetzes durch die Wirtschaftslobby. Ein weiteres Ziel ist das Verbot von Dumpingpreisen für Lebensmittel. Dies ist dringend notwendig, um den existenzvernichtenden Preiskämpfen der großen Lebensmitteleinzelhändler entgegenzuwirken.

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