Interview mit Brigitte Hahn, Sekten-Expertin im Bistum Münster

Soll man über Satanismus und rituelle Gewalt berichten?

„kirche-und-leben.de“ hat über die Tagung „Rituelle Gewalt – Wissen schützt“ berichtet und den Beitrag auch auf Facebook gepostet. Daraufhin folgten dort Kommentare mit wüsten Beschimpfungen gegen die katholische Kirche, sodass sich die Redaktion gezwungen sah, den Facebook-Post zu löschen. Wir haben mit Brigitte Hahn vom Referat Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bischöflichen Generalvikariat Münster über den Vorfall gesprochen. Sie hatte die Fachtagung über rituelle Gewalt mitorganisiert.

„kirche-und-leben.de“: Gibt es Zahlen zur Verbreitung destruktiver Kulte wie Satanisten und Luziferaner?

Brigitte Hahn: Destruktive Sekten arbeiten im Verborgenen. Sie werden einen Teufel tun, Zahlen zu veröffentlichen. Eine Aussteigerin aus dem Kult schätzt aber, dass die Zahlen etwa so hoch liegen wie bei den Zeugen Jehovas. (Anmerkung der Redaktion: Nach Angaben von jehovaszeugen.de lag die Zahl der Zeugen in Deutschland im November 2016 bei 168.763).

Sind Satanisten gleich Satanisten? Oder gibt es neben den Satanisten, die extrem brutale rituelle Gewalt ausüben, auch harmlose Gruppen?

Satanismus ist ein Oberbegriff. Es gibt keine verbindliche Definition, wer sich als Satanist bezeichnen darf oder nicht. Im Referat Sekten- und Weltanschauungsfragen haben wir es mit Gruppen zu tun, bei denen Gewalt Teil ihres Auftrags, ihrer Identität und ihres Verhaltens ist. Sie missbrauchen Kinder, fügen ihnen extreme Schmerzen zu und machen sie mit Ekeltrainings gefügig, sich an körperliche und sexualisierte Gewalt zu gewöhnen. Wenn andere Gruppen behaupten, dass sie keine Gewalt ausüben, muss ich das erst einmal so annehmen.

Was können Sie über so genannte Grufties und Gothics sagen?

Das sind Menschen, die sich schwarz kleiden und schminken, eine depressive Grundstimmung leben, eine bestimmte Musikrichtung bevorzugen und sich zu bestimmten Treffen versammeln. Aus dieser Richtung habe ich bei keiner meiner Beratungen etwas von extremer Gewalt gehört. Ich habe in den letzten 20 Jahren über 100 Aussteigerinnen aus satanistischen Kulten mit ritueller Gewalt begleitet. Keine hat mir von Gewalt in der Gruftie- oder Gothic-Szene berichtet.

Aufgrund unserer Berichterstattung über die Tagung „Rituelle Gewalt“ hat es auf Facebook wüste Beschimpfungen gegen die katholische Kirche gegeben. Satanistische Gruppen wie „Brotherhood of Samael“ sprechen von Lügen und Verschwörungstheorien. Wie kann man dem begegnen?

Wir beziehen uns in unserer Arbeit mit den Opfern ritueller Gewalt auf reale Fälle. Alle unsere Veröffentlichungen und Beiträge basieren auf Augenzeugenberichten. Auch in der öffentlich zugänglichen satanistischen Literatur ist von extremen Gewalthaltungen die Rede. Wir haben bundesweit tausendfache Zeugenberichte von Opfern, die vielfach auch von Therapeuten während der Therapie dokumentiert wurden. Bereits 1998 hat sich eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags mit dem Thema „Rituelle Gewalt“ auseinander gesetzt. Auch der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bei der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bestätigt, dass es rituelle Gewalttaten in Deutschland gibt, die durch destruktive Weltanschauungen gerechtfertigt werden.

Ist es wichtig, die Öffentlichkeit über rituelle Gewalt und ihre Folgen zu informieren?

Wir wollen auf Gruppen aufmerksam machen, die extreme Gewalt im Rahmen ihrer Weltanschauung rechtfertigen und ausüben. Viele der Opfer sind Kinder, deren weiteres Leben zerstört wird. Das ist kriminell. Darauf muss man aufmerksam machen. Da wundert es mich, dass Gruppen, die sich selbst als satanistisch, gewaltlos und friedfertig bezeichnen, gegen eine solche Initiative wettern. Wir würden uns freuen, wenn sie sich an unsere Seite stellen, um solche Machenschaften zu unterbinden. Ich frage mich, warum sie nicht unser Anliegen unterstützen.