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Lange ist der demografische Wandel in Deutschland ignoriert worden. Die Boomer können Teil der Lösung sein, sagt Caritasvorstand Karl Weber.
Der Streit ist programmiert. Wenn die Rentenkommission der Bundesregierung am 30. Juni 2026 ihre Vorschläge zur Zukunft der Alterssicherung vorlegt, werden sie den einen zu zaghaft erscheinen und den anderen wie ein Angriff auf die Grundlagen des Sozialstaats.
Dabei droht eine der wichtigsten Ursachen aus dem Blick zu geraten: der demografische Wandel. Er lässt sich nicht bis zur nächsten Wahlperiode wegregieren. Deutschland wird auf lange Sicht ein Land älterer Menschen bleiben. Selbst deutlich mehr Geburten oder mehr Zuwanderung würden die Altersstruktur nur sehr langsam verändern.
Warnungen wurden lange ignoriert
Das hätte niemanden überraschen müssen. Die Enquêtekommission des Bundestages „Demografischer Wandel – Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft“ beschrieb bereits zwischen 1992 und 2002 ziemlich genau, was heute eintritt. Doch meine Generation, die heute knapp über 60-Jährigen, hat diese Warnungen zu lange verdrängt. Nun merken wir: Wir sind höchstpersönlich Teil der Herausforderung – in der Pflege, in der Gesundheitsversorgung und in der Alterssicherung.
Doch demografische Ignoranz ist kein mathematisches Problem, wie der Kanzler vor Kurzem beim Kongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zu vermitteln versuchte. Fakten allein überzeugen nicht; ihre Interpretation ist von Interessen und Emotionen geprägt.
Boomer haben weiterhin Gewicht
Der Autor
Karl Weber, Theologe und Historiker, ist Vorstand im Caritasverband für das Bistum Limburg.
Das gilt auch für die Boomer. Zusammen mit den noch Älteren stellten sie bei der letzten Bundestagswahl mehr als 40 Prozent der Wahlberechtigten und gingen überdurchschnittlich häufig wählen. Politisch hat diese Generation also weiterhin Gewicht. Daraus erwächst Verantwortung jenseits von Verlustängsten.
Ein finanzieller Beitrag zur Alterssicherung der Jüngeren ist aus Gerechtigkeitsgründen naheliegend, sofern er geringe Einkommen und bereits benachteiligte Gruppen wie Alleinerziehende ohne ausreichende Rentenansprüche schont. Über die Instrumente wird im Detail in den kommenden Wochen viel gesprochen werden.
Der Wert freiwilligen Engagements
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch eine zweite Spur: freiwilliges Engagement. Der Nachbarschaftskaffee, die Mitarbeit in der Tafel, der Einsatz für gemeinschaftliche Wohnformen in der Kommune – all das hält eine älter werdende Gesellschaft zusammen und viele aus der Generation bringen sich ein.
Mehr Demografie wagen heißt deshalb auch: die Boomer nicht nur als Kostenfaktor zu sehen, sondern als Ressource für Zusammenhalt. Sie haben etwas beizutragen und diese neue Form der „Aktivrente“ hat mehr Beachtung, Würdigung und Unterstützung verdient.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.